50 Jahre Hessenkolleg Kassel

Im September 2012 feierte das Hessenkolleg Kassel sein 50 jähriges Bestehen. Gelegenheit, 50 bewegte Schuljahre Revue passieren zu lassen und ein schönes Fest zu feiern.

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Unser Leitbild

Das Hessenkolleg Kassel ist eine Schule für Erwachsene in staatlicher Trägerschaft und bietet Erwachsenen, die höher qualifizierende Abschlüsse – speziell die Allgemeine Hochschulreife – erreichen wollen, ein breit gefächertes Lernangebot mit moderner räumlicher und medialer Ausstattung. Das Kolleg sieht seine zentrale Aufgabe darin, die Studierenden auf ein Studium an den Hochschulen und auf die gewachsenen Anforderungen des Arbeitsmarktes vorzubereiten.

Neben der Vermittlung von breiten Grundkenntnissen sind die Entwicklung und Förderung selbstständigen und eigenverantwortlichen Lernens zentrale Aspekte unserer pädagogischen Arbeit. Dabei werden im Sinne eines gezielten Anschlusslernens die beruflichen und privaten Prägungen und Erfahrungen der erwachsenen Studierenden einbezogen, eine Reflexion der Lerninhalte und Lernmethoden angestrebt sowie Urteils- und Kritikfähigkeit gestärkt.

Das Hessenkolleg zeichnet sich durch eine respektvolle und offene Arbeitsatmosphäre aus. Hoch qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer fördern durch persönliches Engagement und intensive Beratung den Erwerb inhaltlicher, methodischer und sozialer Kompetenzen. Zu einem erfolgreichen erwachsenengemäßen Lernen in diesem Sinne gehört die Bereitschaft der Studierenden, Verantwortung für den eigenen und gemeinsamen Lernerfolg zu übernehmen und sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln.

Dieses Leitbild ist entstanden im Rahmen einer externen Evaluation durch den Qualitätsdienstleister ArtSet und wird regelmäßig auf den Prüfstand gestellt.

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Grußwort der Kultusministerin :

Liebe Leserinnen und Leser

das Hessenkolleg in Kassel ist eine Erfolgsgeschichte. Es bietet Frauen und Männern in Hessen seit 50 Jahren die Möglichkeit, die in unserer Wissensgesellschaft so selbstverständlich verwendete Weisheit „Aufstieg durch Bildung“ konkret umzusetzen. In den vergangenen fünf Jahrzehnten haben über zweitausend Erwachsene die Möglichkeit genutzt, ihre schulischen Abschlüsse nachzuholen.

Die Studierenden erhalten nicht nur die Chance, sich allgemeinbildend und interessenspezifisch weiterzubilden und somit ihren schulischen und beruflichen Werdegang zu optimieren. Darüber hinaus wird das lebenslange Lernen – persönlich und fachlich, selbstständig und voneinander – gefördert.

Somit leistet das Hessenkolleg einen wichtigen Beitrag zum Erhalt und zur Stärkung unseres gesellschaftlichen Fundaments – der Bildung.

Den Absolventinnen und Absolventen steht die Tür zu einem Studium an einer Universität beziehungsweise einer Fachhochschule oder dem Übergang in eine andere weiterqualifizierende Berufsausbildung offen. Eine Einrichtung wie das Hessenkolleg verdient daher gerade in einer Zeit, in der die Anforderungen an den Einzelnen immer höher werden, größte Anerkennung.

In diesem Sinne gratuliere ich ganz herzlich und bedanke mich beim gegenwärtigen, wie auch beim bereits ausgeschiedenen Schulpersonal, dem Förderverein sowie bei allen Absolventinnen und Absolventen. Sie haben in den vergangenen fünf Jahrzehnten das Hessenkolleg mitgestaltet und immer wieder mit viel Engagement, guten Ideen und neuen Konzepten zu seiner Fortentwicklung beigetragen.

Ich freue mich auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit und den gemeinsamen Dialog und wünsche Ihnen eine gelungene Jubiläumsfeier an einem der schönsten Orte in Kassel – der Orangerie.

 Mit herzlichen Grüßen, Nicola Beer, Kultusministerin

 

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Eckhardt Wagner

(OStD a.D., ehemaliger Schulleiter von Hessenkolleg und Abendschule Kassel)

Hessenkolleg Kassel – 50 Jahre Erwachsenenbildung

 

Nach der nationalsozialistischen Diktatur und dem Zweiten Weltkrieg wurde der Aufbau einer demokratischen Gesellschaft in Deutschland verbunden mit der Forderung, dass möglichst allen Schichten der Bevölkerung ein Höchstmaß an Bildung ermöglicht werden sollte. Allerdings blieb das traditionelle dreigliedrige Schulsystem bestehen und damit auch die frühe Selektion der Schüler. Über den Zugang zum Gymnasium wurde bereits in der 4. Klasse der Volksschule endgültig entschieden. Wem zu diesem Zeitpunkt die Eignung zur gymnasialen Aus­bildung abgesprochen wurde, dem war auch dieser einzige Weg zur Hochschulreife versperrt.

Und wer die weiterführende Schule zwar einmal begonnen, dann aber aus unterschiedlichen Gründen abgebrochen hatte oder nicht bis zum Abschluss besuchen konnte (Kriegsteilnehmer, Flüchtlinge,…), der hatte in der Regel keine Möglichkeit, auf anderem Weg die Zugangsberechtigung zur Hochschule zu erwerben.

Die Forderung insbesondere junger Erwachsener nach Weiter­bildungsmaßnahmen, um die versäumten Bildungschancen nachzuholen und nachträglich die Hochschulreife zu erwerben, führte in den Jahren ab 1946 zu einer Wieder- oder Neueröffnung von Abendgymnasien. Allerdings war die Doppelbelastung durch Beruf am Tage und Schule am Abend für viele Teilnehmer sehr hoch, so dass die Forderung nach Tagesschulen zum nachträglichen Erwerb der Hoch­schulreife immer stärker wurde. Zusätzliche Nahrung erhielt diese Forderung, als mit dem beginnenden wirtschaftlichen und industriellen Aufschwung in Deutschland auch der Bedarf an gut quali­fizierten Arbeitskräften möglichst mit abgeschlossenem Studium immer größer wurde.

Als erstes Bundesland eröffnete Niedersachsen im Jahre 1949 mit dem Braunschweig-Kolleg eine Tagesschule für junge Erwachsene mit der Möglichkeit, die allgemeine Hoch­schulreife zu erwerben. Dieses Kolleg wurde als „Gymnasi­um für Erwachsene“ bezeichnet. Aufgenommen werden konnten Bewerber, die eine Berufsausbildung abgeschlossen hatten. Die Nachfrage war von Anfang an sehr hoch, in den ersten Jahren konnten weniger als 20 % der Bewerber zugelassen werden. Nach bestandener Aufnahmeprüfung wurden die Kollegiaten in ein Internat aufgenommen, erhielten eine staatliche Förderung und erwarben in zwei Jahren die Hochschulreife. Auf dem Lehrplan standen als Hauptfächer Deutsch und Mathematik sowie Englisch als Fremdsprache. Weiterhin wurden Ge­schichte, Gemeinschaftskunde, Kunst, Musik, Biologie, Erdkunde, Chemie, Religion, Sport und eine zweite Fremdsprache angeboten.

Der Unterricht orientierte sich an den Lehrplänen für die höheren Schulen in Niedersachsen, die Reifeprüfung entsprach derjenigen an den Gymnasien. Die Ergebnisse der Reifeprüfungen waren zufriedenstellend, die Erfolgsquote war trotz der kurzen Ausbildungsdauer hoch. Allerdings gab es anfangs Schwierigkeiten bei der Aufnahme an die Hochschulen, da die Reifezeugnisse des Kollegs nicht ohne weiteres anerkannt wurden.

Erst nachdem unabhängige Gutachten die überdurchschnittlich guten Leistungen ehemaliger Braunschweig-Kollegiaten an den Hochschulen belegten, wurde die Reifeprüfung des Kollegs 1955 durch die Kultusministerkonferenz bundesweit anerkannt.

Vergleichbare Wege wie in Niedersachsen wurden in den 50er und 60er Jahren auch in anderen Bundesländern gegangen. Es wurden neue Kollegs gegründet (1953 in Oberhausen, 1959 in Düsseldorf, Essen, Stuttgart, 1959 in Köln, Saarbrücken, Wiesbaden, 1960 in Berlin, Münster und Frankfurt usw.).

Es gab zu dieser Zeit keine einheitlichen Lehrpläne, aber einen intensiven Austausch zwischen den Kollegs. Die „Neuen“ orientierten sich an dem, was sich an anderen Orten bewährt hatte. Die Reifeprüfungen fanden unter der Aufsicht der Schulbehörden und nach den Regeln der Reifeprüfungen an den Gymnasien statt. Allerdings versuchte man stärker, die beruflichen Erfahrungen der Kollegiatinnen und Kollegiaten in den Unterricht einzubeziehen und zu nutzen.

Die Gründung von Hessenkollegs begann mit der Eröffnung eines Hessenkollegs in Wiesbaden im April 1959 (zur Erinnerung: damals begann das Schuljahr im April nach den Osterferien und endete im März). Aufgenommen wurden Berufs­tätige, die unter Einbeziehung ihrer Berufser­fahrung auf einem neuen Bildungsweg zur Hochschulreife geführt werden sollten. Im Mai 1960 schloss sich die Eröffnung eines zweiten Hessenkollegs in Frankfurt an und im Mai 1962 begann das dritte Hessenkolleg in Kassel mit der Ausbildung. Ein Grund für den Standort Kassel war die große Anzahl von Bewerbern aus Nordhessen bei den Kollegs in Wiesbaden und Frankfurt, woraus man auf einen erheblichen Bedarf an Kollegplätzen in Nordhessen schloss.

Der Eröffnung gingen umfassende Gespräche zwischen dem Kultusministerium, dem Regierungs­präsidium und der Stadt Kassel voraus. Der Gemeindeschulvorstand der Stadt Kassel empfahl, eine personelle Verbindung zwischen dem bereits bestehenden Abendgymnasium und dem neu einzurichtenden Hessenkolleg zu schaffen. So könne man die teilweise langjährigen Erfahrungen der Lehr­kräfte am Abendgymnasium in der Erwachsenenbildung nutzen. Dem folgte das Kultusministerium nicht. Und nachdem die Hessische Landesregierung im Jahr 1961 beschlossen hatte, dass das Land Hessen die Trägerschaft aller Hessenkollegs übernimmt, konnten die weiteren Planungen in eigener Verantwortung des Kultusministeriums vorangetrieben werden. Für die Gründungsphase wurde ein geeignetes Gebäude als Übergangs­lösung gesucht. Ein Neubau mit einem Wohnheim für auswärtige Studierende sollte dann errichtet werden, sobald die finanziellen Mittel bereitstünden.

Im September 1961 wurde bekannt, dass die Brethren Service Commission, eine amerikanische Religionsgemeinschaft, ihr in Kassel-Rothenditmold, Witzenhäuser Str. 5, gelegenes „Nachbar­schaftshaus (Brethren Haus)“ verkaufen wolle. Dieses Gebäude mit einem ca. 2.800 Quadratmeter großen Grundstück bot für die Gründungsphase des Hessenkollegs genügend Platz für Unterrichts-, Arbeits- und Internats­räume und wurde deshalb von der hessischen Landesregierung angekauft.

Am 2. Mai 1962 konnten die Kollegiatinnen und Kollegiaten im neugeschaffenen Hessenkolleg Kassel mit der zweieinhalb Jahre dauernden Ausbildung beginnen. In einer Feierstunde am 4. Mai 1962 fand die offizielle Eröffnung durch den hessischen Kultusminister Prof. Dr. Schütte statt (siehe Ausschnitt aus der Hessischen Allgemeinen).

Die Vorarbeiten zur Einrichtung des Hessenkollegs Kassel wurden von Herrn Oberstudienrat Herbert Schürmann geleitet, dieser wurde dann auch der erste Schulleiter. Neben anderen organisatorischen Problemen (Ausstattung von Unterrichts- und Verwaltungs­räumen, Beschaffung von Unterrichtsmaterialien und Schulbüchern, Vorbereitung der Unterrichtspläne, Werbung und Beratung von Bewerbern) musste auch das Aufnahmeverfahren für den ersten Lehrgang durchgeführt werden. Von den ca. 160 Bewerbern wurden nach einer vierstufigen Eignungsprüfung (schriftliche Prüfungen in Deutsch / Geschichte, Mathematik / Naturwissenschaften und Englisch sowie eine mündliche Eignungsprüfung zur Erkundung der Gesamtpersönlichkeit des Bewerbers) 58 in den ersten Lehrgang aufgenommen (49 Männer, 9 Frauen), von denen 51 (45 Männer, 6 Frauen) 1964 erfolgreich die Reifeprüfung ablegten.

Das Gebäude in der Witzenhäuser Straße 5 wurde gleichzeitig für Unterricht und Verwaltung sowie als Wohnheim mit Verpflegung für bis zu 30 Studierende genutzt. Zusätzlich lebte der Schulleiter mit seiner Familie in einigen Räumen im ersten Stock und die Verwaltungsleiterin bewohnte einen Raum im zweiten Stock. Fachräume nach heutigem Anspruch gab es noch nicht, das Kolleg war im Aufbau.

Die Organisation des Bildungsgangs am Hessenkolleg von 1964 bis 2012

In den Anfangsjahren bestand die Ausbildung am Hessenkolleg aus der halbjährlichen Kompensations­phase und dem zweijährigen Hauptkurs.

Im Kompensationskurs wurden Niveaukurse während der Aufnahmeprüfung eingerichtet, um Unter­schiede im Kenntnisstand der Kollegiaten auszugleichen und Methoden und Arbeitsweisen einzuüben. Im Hauptkurs waren Deutsch, Englisch und Gemeinschaftskunde für alle verbindlich, zusätzlich wählten die Kollegiatinnen und Kollegiaten entweder einen sprachlichen, einen mathematisch-naturwissenschaftlichen oder einen wirtschafts-sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt und wurden dann im Klassenverband unterrichtet. (Stundentafel laut Tabelle Anhang 1)

Die erste Reifeprüfung fand unter dem Vorsitz des Regierungspräsidiums Kassel im September 1964 statt. Schriftliche Prüfungsfächer waren Deutsch, Englisch und Mathe­matik und entweder eine zweite Fremdsprache (Latein, Französisch oder Russisch für Teilnehmer des sprachlichen Zweiges), Physik (für Teilnehmer des mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweiges) oder WiSo (für Teilnehmer des wirtschafts- und sozialwissen­schaftlichen Zweiges). Die Fachlehrer schlugen die Themen für die schriftlichen Prüfungs­arbeiten vor, die dann vom Regierungspräsidium ausgewählt und ge­nehmigt wurden. Die Korrektur der Arbeiten wurde wiederum von den Fachlehrern durchgeführt.

Jeder Prüfling musste eine mündliche Prüfung in Form eines Kolloquiums absolvieren. Das Prüfungsfach konnte der Kandidat selbst auswählen, zwei Lehrer und ein Prüfungsvorsitzender nahmen die Prüfung ab.

Bestanden hatte die Reifeprüfung, wer in sämtlichen Fächern mindestens ausreichende Leistungen zeigte oder mangel­hafte Leistungen in Mathematik oder Englisch oder im 4. Prüfungs­fach ausgleichen konnte. Mangelhafte Leistungen in Deutsch konn­ten nicht ausgeglichen werden.

Dieses auf zweieinhalb Jahre angelegte Modell wurde im Jahr 1981 aufgegeben, da die Hessenkollegs das gymnasiale Ober­stufenmodell von 1972 (nach der Vereinbarung über die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe II – Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 07.07.1972) einführen mussten. Die Kollegzeit verlängerte sich dadurch auf drei Jahre. Das neue Modell begann am Hessenkolleg Kassel mit Lehrgang 17. Nach der zweisemestrigen Einführungsphase zur Kompensation und Orientierung folgte die viersemestrige Kursphase. Die Kollegiatinnen und Kollegiaten wählten aus dem Fächerangebot zwei fünfstündige Leistungsfächer, von denen eines eine Fremdsprache oder Mathematik oder eine Naturwissenschaft sein musste. Zusätzlich mussten bis zum Abitur mindestens 22 dreistündige Grundkursen absolviert werden. Die Reifeprüfung bestand aus drei schriftlichen und einer mündlichen Prüfung, die Noten der Grund- und Leistungskurse gingen in die Abiturwertung mit ein. Damit wurde ein bedeutender Teil der Abiturnote aus den Ergebnissen der Kurse von vier Semestern gebildet, die Abiturprüfung selbst verlor an Bedeutung für die Abschlussnote.

Ab Februar 1982 wurden am Hessenkolleg Kassel halbjährige berufsbegleitende Vorkurse eingerichtet, die die Eignungsprüfung ersetzen konnten, wenn die Studierenden regelmäßig am Unterricht teilnahmen und am Ende des Halbjahres auf Grund ihrer mündlichen und schriftlichen Leistungen insgesamt den Vorkurs bestanden hatten. Der Unterricht fand an vier Tagen jeweils in den Abendstunden statt, unterrichtet wurden die Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik ( je vier­stündig ) sowie ein zweistündiger fachübergrei­fender Methodenkurs, mit dem die Teilnehmer mit den Arbeitsweisen des Kollegs vertraut gemacht wurden. Für Teilnehmer am Vorkurs verlängerte sich die Ausbildungszeit im Kolleg auf dreieinhalb Jahre.

In den 1990er-Jahren wurde eine neue Diskussion über das Kurssystem und die Studierfähigkeit der Abiturienten ausgelöst. Die Universitäten beklagten einen Mangel an Grund- bzw. Allgemeinbildung der Abiturienten. Gleichzeitig wurden neue Zugangsmöglichkeiten zu den Hochschulen geschaffen. An immer mehr Fachoberschulen und beruflichen Gymnasien konnte man die Zugangsvoraussetzungen für (Fach-) Hochschulen erwerben. Und in einigen Bundesländern wurde besonders befähigten Berufstätigen nach einer erfolgreichen beruflichen Ausbildung der direkte Weg an die Hochschule ermöglicht. Da aber die Anzahl an Studienplätzen nicht entsprechend wuchs, wurde der Zugang zu bestimmten Studiengängen an den Hochschulen beschränkt („Numerus Clausus“).

An den hessischen Schulen für Erwachsene wurde die Diskussion über die Weiterentwicklung der SfE ausgelöst durch zurückgehende Studierendenzahlen und durch ein verändertes Klientel. Beklagt wurden soziale Defizite; die Fähigkeit, voneinander und miteinander zu lernen, sei oft unterentwickelt.

Im Jahr 1990 wurde am Hessenkolleg Kassel ein Schulversuch angeregt, der eine solidere Allgemeinbildung und höhere Fachkompetenz zum Ziel hatte. Vorgeschlagen wurde folgendes Organisationsmodell für die Kursphase: Jeder Studierende muss in 2 Leistungsfächern jeweils vier Kurse mit sechs Semesterwochenstunden belegen. Die Grundkurse werden mit 4 Semesterwochenstunden unterrichtet, insgesamt müssen 16 Grundkurse in die Abiturwertung eingebracht werden. Verpflichtende Fächer sollen sein: Deutsch, Englisch, Gemeinschaftskunde und Mathematik.
Diese Überlegungen wurden auch im Landesring der Hessenkollegs diskutiert und durch Bestrebungen in anderen Bundesländern unterstützt. So beantragte beispielsweise das Berlin-Kolleg im Jahr 1990 einen Modellversuch, der die Einrichtung von vierstündigen Grundkursen vorsah.

Das Hessische Kultusministerium reagierte auf diese Diskussion und berief im Juni 1993 eine Grundsatzkommission „Zweiter Bildungsweg / Schulen für Erwachsene“ ein. Sie bekam den Auftrag, „die bisherige Arbeit, die Möglichkeiten, den Stand des ZBW in Hessen zu bilanzieren und unter Beachtung von Perspektiven, Rahmenbedingungen im Umfeld zu untersuchen, wie diese Möglichkeiten erweitert und für andere Zielgruppen interessant gemacht werden können.“ Dabei seien alle Zweige der SfE, also Abendhauptschulen, Abendrealschulen, Abendgymnasien und Hessenkollegs, in die Überlegungen einzubeziehen.
Der 1995 vorgelegte Bericht kam zu folgenden Empfehlungen für die Ausbildung an Abendgymnasien und Hessenkollegs: „Das Angebot eines qualifizierten wissenschaftspropädeutischen Bildungsgangs als Vorbereitung für ein Hochschulstudium, das auch zugleich ein Angebot erweiterter und vertiefter Allgemeinbildung mit Möglichkeiten individueller Schwerpunktbildung ist, das beruflich und persönlich genutzt werden kann und das generelle berufliche Umorientierung ermöglicht, dies bildet die Stärke der Abendgymnasien und Hessenkollegs.“ (Bericht der Grundsatzkommission S. 45)

Die Grundsatzkommission sei davon überzeugt, dass die oben geschilderten Anforderungen und Schwierigkeiten an den Abendgymnasien und Hessenkollegs nicht im Rahmen des bisherigen Systems von fünfstündigen Leistungs- und dreistündigen Grundkursen bewältigt werden könnten. Die Grundsatz­kommission schlage deshalb vor, für die QUALIFIKATIONSPHASE folgende Bereiche vorzusehen:

  • einen PFLICHTBEREICH mit vierstündigen Fächern und

  • einen vierstündigen WAHLPFLICHTBEREICH 1 mit einem Schwerpunktfach sowie

  • einen dreistündigen WAHLPFLICHTBEREICH 2.

Weiterer drei- und zweistündiger Unterricht nach Wahl solle je nach vorhandenen Möglichkeiten in einem FREIEN BEREICH angeboten werden können.

Zum PFLICHTBEREICH sollten die Fächer Deutsch, Englisch, Mathematik und Gemeinschaftskunde gehören. Alle anderen Fächer könnten in den WAHLPFLICHTBEREICHEN angeboten werden.

Alle Studierenden sollten in der Qualifikationsphase verbindlich die vier Fächer des PFLICHTBEREICHS besuchen. (Bericht der Grundsatzkommission S. 57)

Mit diesen Veränderungen sollten Grund- und Allgemeinbildung der Studierenden gestärkt, die Studierfähigkeit verbessert, die Chancen für Studierende mit Migrationshintergrund erhöht und neue Lerninhalte und Lernmethoden Eingang in die SfE finden.

Die Empfehlungen der Grundsatzkommission fanden Eingang in die neue Verordnung zur Ausgestaltung der Schulen für Erwachsene (VOSfE) vom 21. Juni 2000. In der Qualifikationsphase waren für alle Studierenden die Fächer Deutsch, Englisch, Gemeinschaftskunde und Mathematik Pflichtfächer, zusätzlich wurde ein fünftes Wahlpflichtfach gewählt. Diese Fächer wurden durchgehend bis zum Abitur vierstündig unterrichtet. Erst mit der Meldung zum Abitur im letzten Semester wurden Leistungskurse, Prüfungsfächer und Grundkurse festgelegt.

Die VOSfE betonte den eigenständigen Weg zum nachträglichen Erwerb schulischer Abschlüsse und hielt an der Gleichwertigkeit der Abschlüsse mit denen des allgemein bildenden Schulwesens fest. Ziel der Abendgymnasien und der Hessenkollegs sei es, den Studierenden Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, die sie auf ein Hochschulstudium vorbereiten bzw. die sie auch ohne Studium in eine weitere berufliche Tätigkeit einbringen können. Verbindendes Merkmal des Unterrichts sei das wissenschafts­propädeutische Arbeiten, das exemplarisch in wissenschaftliche Fragestellungen, Kategorien und Methoden einführe.

Dieses System hat sich bis heute bewährt. Trotzdem wurden weitere Veränderungen vorgenommen. Mit der Verordnungsnovellierung von 2003 wurde festgelegt, dass in die Abiturprüfung ein zusätzliches verpflichtendes Element aufgenommen wurde. Alle Prüflinge müssen seit 2007 (am Kolleg ab Lg. 39) eine Präsentationsprüfung (nach §40 VOSfE) ablegen. Nach dem schriftlichen Abitur erhalten die Prüflinge im gewählten Fach eine komplexe Aufgabe, die sie dann innerhalb von vier Schulwochen selbstständig und ohne weitere Beratung durch den Prüfer bearbeiten müssen. Die Prüfung selbst besteht aus einem medien­unterstützten Vortrag mit anschließendem Kolloquium.

Eine weitere gravierende Änderung der Ausbildung wurde am Kolleg im Jahre 2008 (ab Lg. 40) erstmals wirksam: die Einführung des Landesabiturs an den Schulen für Erwachsene. Vorschläge für die Aufgaben für das schriftliche Abitur werden seitdem zentral in vom Kultusministerium eingesetzten Kommissionen erarbeitet. Das Kultusministerium nimmt die Auswahl der Aufgaben vor. Die Prüfungen sind landesweit an allen Schulen für Erwachsene zur gleichen Zeit durchzuführen.

Eine nur kurzzeitig gültige, aber ärgerliche Episode legte für die Lehrgänge 44 bis 46 den Beginn der Einführungsphase auf den Februar fest, so dass diese Lehrgänge ihre Abiturzeugnisse im Dezember erhalten (haben).

Inzwischen hat das Kultusministerium mit der im Jahr 2009 in Kraft getretenen Oberstufen- und Abiturverordnung alle Bildungsgänge, die den Zugang zu den Hochschulen / Universitäten öffnen, in einer Verordnung geregelt und Vereinheitlichungen vorgenommen, aber gleichzeitig charakteristische Spezifika erhalten. An den Kollegs hat sich die Stundenverpflichtung der Studierenden erhöht, ab Lg. 45 müssen die Studierenden neben den 8 Leistungskursen noch 24 Grundkurse ins Abitur einbringen. Dazu müssen sie in allen vier Semestern der Qualifikationsphase in der Regel 30 Wochenstunden belegen. Die Unterrichts­phase des vierten Semesters wurde verlängert und endet ca. vier Wochen vor den mündlichen Abiturprüfungen.

Lernort Hessenkolleg Kassel, Witzenhäuser Straße

Seit der Eröffnung des Kollegs war die Raumsituation im Gebäude in der Witzenhäuser Straße immer wieder ein beherrschendes Thema der Schulentwicklungsdiskussion. Mehrere Versuche, entweder auf dem Gelände einen Erweiterungsbau zu errichten oder sogar an einen anderen Standort mit geeigneten Gebäuden umzuziehen, ließen sich aus unterschiedlichen Gründen nicht realisieren. Also musste man zusammenrücken.

Zur Konzeption des Kollegs gehörte ursprünglich die Bereitstellung von Internatsräumen, in denen maximal 24 Studierende – Frauen und Männer – die Möglichkeit haben sollten, miteinander zu leben und zu ar­beiten. Mit der Eröffnung wurden sämtliche Räume im zweiten und dritten Stock, zwei Räume im Keller sowie fünf Räume im ersten Stock für das Wohnheim genutzt. Die Studierenden waren jeweils in Doppelzimmern untergebracht. Die Aula sowie die angrenzende Bibliothek standen den Bewohnern als Aufenthaltsräume zur Verfügung, in der Aula gab es auch ein Fernsehgerät. Die Kollegküche konnte von den Bewohnern zur Be­reitung von Frühstück und Abendessen genutzt werden. Die Mittagsmahlzeit nahmen sie gemeinsam mit den anderen Kollegiaten ein. Ein Küchendienst wurde eingerichtet, an dem sich die Heimbewohner beteiligen mussten.

Das ursprüngliche Konzept, das Wohnheim für Kollegiaten und Kollegiatinnen zu öffnen, wurde aufgegeben, weil sich aus dem Zusammenleben der männlichen und weiblichen Kollegiaten bald erhebliche Probleme ergaben (zu jener Zeit waren die gesetzlichen Bedingungen für ein Zusammenleben unterschiedlicher Geschlechter sehr streng …). Der Heimleiter, der selbst mit seiner Familie in einer Dreizimmerwohnung im ersten Stock lebte, nahm deshalb nur noch Männer in das Internat auf.
Im weiteren Verlauf der sechziger Jahre erhöhte sich der Bedarf an Unterrichtsräumen am Kolleg. Um diesen decken zu kön­nen, wurden Internatsräume zu Unterrichtsräumen umfunktioniert. So wurden die Wohnräume im Keller der Sammlung Biologie / Chemie zur Verfügung gestellt.

Gegen Ende der sechziger Jahre ließ die Nachfrage nach Heimplätzen nach. Die Kollegiaten wollten nicht mehr in Doppelzimmern wohnen, die strenge Heimordnung stieß ab, außerdem gab es in Kassel ein zunehmendes Angebot an günstigem Wohnraum für Wohngemeinschaften. Als dann auch noch die Zimmer im Dachgeschoss aus feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr bewohnt werden durften, wurde das Wohnheim 1972 endgültig geschlossen. Damit standen für den Unterricht 11 zusätzliche Räume zur Verfügung, die jedoch aufgrund ihrer Größe und Lage nicht unbedingt als Unterrichtsräume geeignet waren.

Die problematische Raumsituation führte in den folgenden Jahren immer wieder zu Forderungen der Schulleitung und der Studierenden an den Schulträger, das Land Hessen, nun endlich Schritte zu unternehmen und den versprochenen Neubau zu realisieren. Auch ein Warnstreik der Studierenden und eine Demonstration zum Rathaus sollten die Zuständigen und die Öffentlichkeit auf die unerträgliche Situation am Kolleg aufmerksam machen. Erste positive Signale aus Wiesbaden ließen im Jahr 1989 die Hoffnung auf einen Erweiterungsbau an der Witzenhäuser Straße neu aufkeimen. Das Land erklärte seine Absicht, die notwendigen Haushaltsmittel zur Verfügung zu stellen. Die Stadt Kassel überarbeitete den Bebauungsplan für die in Frage kommenden Grundstücke und der Ortsbeirat Rothenditmold akzeptierte die Verlegung und Verkleinerung des bestehenden Bolzplatzes.
Im April 1991 stimmte der Ausschuss für Stadtentwicklung und Verkehr der Kasseler Stadtverordneten­versammlung dem Bebauungsplanentwurf „Hessenkolleg“ der Stadt Kassel zu. Dieser Bebauungs­planentwurf sah vor, die Erweiterung des Hessenkollegs um etwa 1000 Quadratmeter bei dreigeschossiger Bauweise zu ermöglichen. In Zusammenarbeit mit dem Staatsbauamt Kassel wurde ein Raumkonzept erarbeitet. Die Bau- und Finanzierungspläne wurden genehmigt, so dass nach einigen Vorarbeiten die Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau am 16. Dezember 1992 erfolgte. Die fortschreitenden Bauarbeiten brachten für das Jahr 1993 einige Einschränkungen im Schulbetrieb, Lärm und Staub störten manche Unterrichtsstunde und auch das Abitur fand unter erschwerten Bedingungen statt. Die gesamte Schulgemeinde nahm lebhaften Anteil am Baufortschritt und fieberte der Inbetriebnahme entgegen. Außerdem waren viele Entscheidungen zu treffen. Die neuen Räume sollten mit neuen Möbeln ausgestattet werden, auch für die Fachräume und die naturwissenschaftlichen Sammlungen standen erhebliche Mittel für eine neue und moderne Ausstattung zur Verfügung. So wurde in Ausschüssen diskutiert und geplant, Ausstattungslisten erstellt, Möbel begutachtet und Geräte und Einrichtungs­gegenstände bestellt. Mit dem Einzug in den Neubau im Sommer 1994 verbesserten sich die räumlichen Unterrichtsbedingungen grundsätzlich, es gab ausreichend helle und modern eingerichtete Klassenräume, die Fachräume waren auf dem aktuellen Stand, auch für die Modernisierung der naturwissenschaftlichen Sammlungen und für neue Computer für den Unterricht war noch genügend Geld vorhanden. Damit verbunden waren die Möglichkeiten, erwachsenengerechten Unterricht umzusetzen, deutlich verbessert. Es gab genügend Platz für arbeitsteiliges dezentrales Unterrichten, Gruppenarbeiten konnten stattfinden, Ergebnisse angemessen präsentiert und gegebenenfalls auch über eine längeren Zeitraum ausgestellt werden. In den Naturwissenschaften konnte eine für das Kolleg völlig neue Experimentierkultur etabliert werden: Mikroskopieren in der Biologie an mehreren Arbeitsplätzen gleichzeitig, chemische Experimente als Gruppenversuche schon in der Einführungsphase, Stationenlernen in der Physik. Und immer stärker wurden Computer im Unterricht eingesetzt, auch um die Daten von Experimenten zu erfassen, auszuwerten und anschaulich zu präsentieren. In den folgenden Jahren wurde dann der Altbau saniert, so dass das Hessenkolleg Kassel heute über zwei sehr gut ausgestattete Gebäude für Unterricht und Verwaltung verfügt.

Perspektive der Schulen für Erwachsene in Kassel

Wenn auch für die Zukunft ein staatlich finanziertes schulisches Angebot für junge Erwachsene in Kassel gesichert werden soll, dann wird das meines Erachtens nicht ohne eine Konzentration der Kräfte und eine Verknüpfung der Angebote von Hessenkolleg und Abendschule Kassel möglich sein. Denn in Nordhessen ist die Nachfrage nach dem Bildungsangebot der SfE zurückgegangen. Dafür sind unterschiedliche Gründe anzuführen:

  • Neben den klassischen Gymnasien wurde ein flächendeckendes Angebot von Gesamtschulen auch auf dem Lande ausgebaut, so dass allen Kindern ein wohnortnahes Gymnasialangebot zur Verfügung steht. Im Jahr 2009 haben in der Stadt Kassel 2452 Schüler die allgemeinbildenden Schulen verlassen, davon 31,4 % mit der allgemeinen Hochschulreife, im Landkreis Kassel haben von insgesamt 2.452 Absolventen 20,7% die allgemeine Hochschulreife erworben.

  • Nach dem mittleren Abschluss nach Klasse 9 / 10 machen die Berufsschulen den Jugendlichen ein vielfältiges Angebot zum Beispiel im Bereich der Fachoberschulen mit den Schwerpunkten Sozialwesen, Ernährung und Hauswirtschaft, Textiltechnik und Bekleidung, Chemisch/Physikalische Technik, Chemietechnik, Biologietechnik, Wirtschaft und Verwaltung, Betriebswirtschaft, Maschinenbau, Elektrotechnik, Informationstechnik, Gebäudesystemtechnik, Informationstechnik, Wirtschaftsinformatik und Gestaltung. Die Absolventen können in diesen Bildungsgängen die Fachhochschulreife erlangen.

  • In den vergangenen Jahren hat sich Kassel (nach dem Ranking der „Wirtschaftswoche“) zur dynamischsten Großstadt Deutschlands entwickelt. Die Arbeitslosigkeit hat sich innerhalb von sechs Jahren halbiert und ist auf dem niedrigsten Stand seit 30 Jahren, mehr als 10.000 neue Arbeitsplätze sind entstanden. Die Nachfrage nach gut ausgebildeten jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt ist hoch, die Verdienstmöglichkeiten sind gut, so dass sich bei vielen potenziellen Kandidaten für die Schulen für Erwachsene nicht die Alternative aufdrängt, aus dem Beruf auszusteigen und das Abitur anzustreben.

Um das Bildungsangebot weiterhin zu sichern und gleichzeitig neue Angebote im Bereich „lebenslanges Lernen“ machen zu können, ist es aus meiner Sicht notwendig, die beiden Schulen für Erwachsene in Kassel zusammen­zufassen und zu einem „Bildungszentrum für Erwachsene“ weiterzuentwickeln. Damit knüpfe ich an eine Planung an, die bereits in den 1990er Jahren im Hessischen Kultusministerium entwickelt und in deren Konsequenz zwei Kommissionen eingesetzt wurden, um Konzepte für ein solches „Bildungszentrum“ zu entwickeln. Die erarbeiteten Vorschläge bzw. Empfehlungen wurden leider bisher nicht umgesetzt. Gründe dafür sind leicht zu benennen: Beide Schulen haben unterschiedliche Schulträger, für eine neue „Schule für Erwachsene in Kassel“ müsste eine Vereinbarung zwischen der Stadt Kassel als Schulträger der Abendschule und dem Land Hessen als Schulträger des Hessenkollegs über die Finanzierung der laufenden Kosten wie Miete und Kosten für den Unterhalt und die Ausstattung des/der Unterrichtsgebäude(s) und der Sachmittel für die Verwaltung getroffen werden. Diese Vereinbarung müsste auch regeln, welche Größe diese Schule haben soll und welche Räume dafür zur Verfügung gestellt werden. Das aber wäre ohne zusätzliche Haushaltsmittel nicht umzusetzen.

Wie könnte eine solche „Schule für Erwachsene Kassel“ aussehen?
Dazu skizziere ich die Empfehlungen aus dem Zwischenbericht, den die im März 2006 einberufene Kommission unter meiner Leitung Ende 2006 den Schulträgern vorgelegt hat:

  • Die beiden Schulen für Erwachsene Kassel sollen in einem „Kompetenzzentrum“ zusammengeführt werden.

  • Diese Schule für Erwachsene hält ein schulisches Angebot für Erwachsene im Ganztagsbetrieb von 8.00 bis 22.00 Uhr vor.

  • Vorgesehen ist:
  • Die einjährige Ausbildung in der Hauptschule

  • Die Ausbildung in der Hauptschule soll neben dem Unterricht einen erheblichen berufspraktischen Anteil für Nichtberufstätige enthalten, um den Absolventen der Abendhauptschule auch Berufsfähigkeit zu vermitteln. Dazu müssen Kooperationspartner gefunden werden.

  • Es wird ein Modellversuch beantragt, um die schulischen und betrieblichen Anforderungen aufeinander abzustimmen und insbesondere eine Flexibilisierung des Stundenplans im Sinne eines Jahresstundenplans zu erreichen.

  • Eine sozialpädagogische Betreuung und Begleitung ist dringend notwendig und sollte in den Modellversuch integriert werden.

  • Die Ausbildung endet mit dem Hauptschulabschluss.

  • Die zweijährige Ausbildung in der Realschule

  • Das Angebot der Realschule sieht Unterricht zu allen Tageszeiten vor, um Bewerberinnen/Bewerbern aus den umliegenden Landkreisen die Teilnahme zu erleichtern.

  • Für Bewerberinnen/Bewerber, die zwar einen Hauptschulabschluss vorweisen können, aber im Aufnahmetest den Anforderungen der Realschule nicht genügen, soll ein Realschul-Vorkurs (VR) verpflichtend eingeführt werden (ohne BAFöG-Anspruch!), um die Zahl der Abschlüsse zu erhöhen.

  • Langfristig soll für nichtberufstätige Studierende in der Realschule ein System von verbindlichen Betriebspraktika aufgebaut werden, um ihnen den Zugang zu Betrieben zu verschaffen und um ihnen Berufserfahrungen zu ermöglichen.

  • Die Ausbildung endet mit dem Realschulabschluss.

  • Für Bewerberinnen/Bewerber mit Migrationshintergrund, die die Voraussetzungen für die Ausbildung in der Realschule oder im Gymnasium haben, aber wegen mangelnder Kompetenzen in der Unterrichtssprache Deutsch nicht in diese Bildungsgänge aufgenommen werden können, werden Aufbaukurse angeboten, die in einem einjährigen Durchgang die Voraussetzungen zum Übergang in die Regelklassen schaffen. Diese Bewerberinnen/Bewerber bringen teilweise aus ihren Heimatländern (hoch)qualifizierte Abschlüsse mit, die zum Teil in Deutschland nicht voll anerkannt werden.

  • Ein Lernberatungs- und Lernförderungskonzept ist zu entwickeln und umzusetzen, individuelle Förderung mit entsprechenden Förderplänen für die Studierenden – besonders auch in der ersten Fremdsprache – muss erfolgen.

  • Die Ausbildung im Gymnasium

  • Das Gymnasialangebot sieht eine maximal dreieinhalbjährige Ausbildung vor und führt zur Allgemeinen Hochschulreife (Abitur). Es ist in Semester gegliedert.

  • Der Vorkurs dauert ein Semester und ist verbindlich für Bewerberinnen/Bewerber mit Hauptschulabschluss oder mit Realschulabschluss, die keine Kenntnisse in einer zweiten Fremdsprache nachweisen können.

  • Neben den verbindlichen Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik und 2. Fremdsprache sind ein zweistündiger Kurs HPB sowie eine Einführung in die Naturwissenschaften / Chemie vorgesehen.
    Für Studierende ohne ausreichende Kenntnisse in der verbindlichen Fremdsprache Englisch sollen zusätzliche Förderkurse in Englisch eingerichtet werden.
    Perspektivisch soll ein modularisiertes Vorkursangebot mit Phasen von ONLINE-Unterricht geplant, entwickelt und eingeführt werden, so dass die Präsenzphasen reduziert werden können.
  • Die Einführungsphase dauert zwei Semester und schafft die Voraussetzungen für die Qualifikationsphase.

  • Für Studierende des Hessenkollegs ist Unterricht in Deutsch, Englisch, 2. Fremdsprache, HPB, WiSo, Mathematik, Biologie, Chemie, Physik und ITG/Informatik verbindlich vorgeschrieben, Studierende des Abendgymnasiums haben verbindlich Unterricht in Deutsch, Englisch, 2. Fremdsprache, HPB und Mathematik und in zwei Naturwissenschaften und Informatik.
  • Die viersemestrige Qualifikationsphase schließt mit der Allgemeinen Hochschulreife ab. Nach zwei Semestern der Qualifikationsphase kann die Fachhochschulreife zuerkannt werden.

  • In allen Phasen des Gymnasiums werden ein Tagesangebot und ein Abendangebot eingerichtet.

  • Bei geringen Kursstärken bzw. Jahrgangsbreiten kann das Abendangebot allerdings insofern eingeschränkt sein, dass in der Qualifikationsphase nicht alle Fächer aus dem Wahlpflicht- und Wahlbereich auch am Abend angeboten werden.

  • Den Studierenden der Qualifikationsphase steht aber – unabhängig davon, ob sie sich für den Bildungsgang des Abendgymnasiums oder für den des Hessenkollegs angemeldet haben – das gesamte Fächerangebot zur Auswahl.

  • Da alle Studierenden das gleiche Landesabitur ablegen müssen, dürfen sich die Anforderungen in den Kursen der Qualifikationsphase nicht unterscheiden, um gleiche Bildungschancen sicherzustellen.
  • Studierende des Hessenkollegs werden durch elternunabhängiges BAFöG gefördert, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen. Sie dürfen deshalb nicht berufstätig sein.

  • Studierende des Abendgymnasiums sind in der Regel berufstätig, lediglich für die letzten drei Semester können sie durch elternunabhängiges BAFöG gefördert werden, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen. Dann dürfen sie nicht mehr berufstätig sein.

  • Eine Umstellung auf einen gemeinsamen Aufnahmeturnus (jährliche oder halbjährliche Aufnahme) ist vorerst nicht beabsichtigt, soll aber mittelfristig geklärt werden. (Das wurde inzwischen per Erlass des Kultusministeriums vollzogen!)

  • Standort
    Die neue Schule für Erwachsene Kassel soll am Standort des Hessenkollegs in der landeseigenen Liegenschaft Witzenhäuser Straße 5 in Kassel – Rothenditmold eingerichtet werden.
    Damit das skizzierte Angebot am Standort des Hessenkollegs angeboten werden kann, muss das Gebäude erweitert werden. Notwendig sind mindestens 7 Räume, darunter ein Fachraum für Biologie / Chemie.
    Es wird folgender Vorschlag gemacht:

  • Durch Aufstockung des nur eingeschossig ausgeführten Verwaltungstrakts um ein Stockwerk könnten 3 Unterrichtsräume und ein Fachraum für Biologie / Chemie neu entstehen.

  • Durch einen Anbau / eine Verlängerung des Verwaltungstraktes könnte jeweils ein Unterrichtsraum pro Etage (insgesamt 3 Räume) neu geschaffen werden.

Auf dieser Basis könnte das bestehende Angebot erhalten werden. Durch Verlagerung von Kursen der Abendhaupt- und Abendrealschule in den Tagesbereich können auch potenzielle Teilnehmer angesprochen werden, die zum Beispiel weiter entfernt wohnen, abends arbeiten oder ihre Kinder betreuen und deshalb das schulische Angebot am Abend nicht wahrnehmen können.

Durch ein verknüpftes Angebot im Gymnasialbereich lassen sich Kosten reduzieren, ohne das Unterrichtsangebot zu verschlechtern.

Ich setze mich auch weiterhin für diese Schule für Erwachsene Kassel ein und rufe die beiden Schulträger, das Land Hessen und die Stadt Kassel auf, sich zu ernsthaften Gesprächen zusammenzusetzen, vielleicht auch den Landkreis Kassel in die Schulträgerschaft mit einzubeziehen, und doch noch zu einer befriedigenden Lösung zu kommen.

 

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Ludwig Weber
(ehemaliger Studienleiter am Hessenkolleg)

50 Jahre Hessenkolleg Kassel – Gegenwart und Zukunft –

 

Seit der letzten Jubiläumsfeier 2002 haben sich am Kolleg tiefgreifende Veränderungen vollzogen, die vor allem eine verstärkte Anpassung der Schulen für Erwachsene an die Organisation der Regelschule und an zentrale Steuerungsinstitutionen wie die „Neue Verwaltungssteuerung“, das „Institut für Qualitätsentwicklung“ und die „Lehrer- und Schülerdatenbank“ (LUSD) mit sich brachten. Insbesondere nach PISA 2002 wurden Instrumente der Evaluation eingeführt. Einen beachtlichen Einschnitt in unsere Selbständigkeit stellte auch der Übergang der Verwaltung unseres Schulgebäudes in die Obhut des Hessischen Immobilienmanagements (HI) dar. Ferner spielen Sparzwänge und ökonomische Rechtfertigungen für Angebotsschulen eine besondere, erst im neuen Jahrtausend deutlicher werdende Rolle. Ein Bericht des Landesrechnungshofes aus dem Jahre 2007 forderte die Landesregierung zu erheblichen organisatorischen und finanziellen Veränderungen in den Schulen für Erwachsene auf.

Die rechtlichen Grundlagen des Kollegs haben sich in den letzten zehn Jahren geändert. Die in den neunziger Jahren von den Kollegs und den Abendschulen selbst entwickelten Lehrpläne haben zwar noch Gültigkeit, aber die Abituraufgaben werden seit 2007 zentral gestellt, die „Verordnung zur Ausgestaltung der Schulen für Erwachsene“ (VO SfE) aus dem Jahre 2003 wurden durch die neue Oberstufen- und Abiturverordnung (OAVO) in den meisten Teilen ersetzt. Sogenannte Einführungserlasse schreiben vor, welche Themenbereiche in den Fächern für die schriftliche Abiturprüfung obligatorisch vorbereitet werden sollen. Die Erhöhung der Pflichtstunden und die Anwendung der Indikatoren für die Klassengrößen, die sich an der gymnasialen Oberstufe orientieren, erschweren die Einführung neuer, vom Land geforderter didaktischer Konzepte, wie die Förderung des selbstständigen Lernens oder der Methodenkompetenz.

Im Zuge der Weiterentwicklung des hessischen Schulsystems gewann in den letzten Jahren auch das Schulprogramm eine andere Bedeutung. War es in der ersten Runde noch eher als Selbstvergewisserung gedacht, als eine erste Organisation einer Evaluation und als Leitbild, so haben die Schulprogramme, aber auch die schuleigenen Fachcurricula neue Funktionen erhalten: Wie bisher sind sie Basis des Unterrichts, gleichzeitig aber den Einführungserlassen für das Zentralabitur verpflichtet und darüber hinaus der Prüfung durch die landesweit eingeführte Schulinspektion unterworfen. Damit wird die Entscheidung über die im Unterricht zu vermittelnden Inhalte zugleich zentralisiert (Einführungserlasse) und in Bezug auf die spezifische Ausgestaltung dezentralisiert (Schulcurricula) – letzteres ist ein Zustand, der dem der Gründungsphase der Kollegs ähnelt.

Die wesentlichen Aufgaben der Kollegausbildung haben sich durch die neuen rechtlichen Regelungen der OAVO jedoch nicht geändert: „Hessenkollegs bieten aufbauend auf unterschiedlichen Bildungsbiografien eigenständige Wege, eine fundierte Allgemeinbildung und die allgemeine Hochschulreife nachträglich zu erwerben“ (§ 20 (1) OAVO). Nach wie vor gilt, dass diese Abschlüsse den entsprechenden Abschlüssen des allgemein bildenden Schulwesens gleichwertig sind.

So ist in den letzten Jahren durch die Zentralisierung der Aufgabenstellung für das schriftliche Abitur sowie durch die Erhöhung der Prüfungselemente im Abitur auf fünf Prüfungen eine weitere Anpassung an den Ersten Bildungsweg erfolgt. Angepasst wurden auch die Abiturprüfungen in den Schulen für Erwachsene untereinander: Die Termine für die schriftlichen Prüfungen werden vom Hessischen Kultusministerium festgelegt, die Prüfungen werden am Nachmittag statt wie vordem vormittags absolviert. Allerdings besitzen die Schulen für Erwachsene nach wie vor gültige Lehrpläne, eigene Einführungserlasse und entwickeln unter Federführung des Instituts für Qualitätssicherung ihre eigenen Abituraufgaben, die denen des Landesabiturs gleichwertig sind. In dem sogenannten Einführungserlass werden die thematischen Schwerpunkte, die Grundlage für die Textauswahl und Aufgabenstellung der Prüfungsaufgaben sind, aber auch fachspezifischen Hinweise über die Struktur der Prüfung bekannt gegeben.

Im Hinblick auf die Stundentafel und die Einrichtung von Grund- und Leistungskursen unterscheiden sich die Kollegs noch weiter von den Gymnasien. Die Leistungskurse sind Verrechnungseinheiten, aber nicht zeitlich umfangreichere Kurse. Diese Angleichung, der Preis für die Vereinheitlichung von Anforderungen der Kollegs und der Abendgymnasien, gebietet Studierenden und Lehrpersonal besondere Anstrengung, die zentral gesetzten Abiturziele zu erreichen.

Das neue, fünfte Prüfungselement im Abitur ist die sogenannte Präsentationsprüfung, die darin besteht, dass alle Abiturienten einen mediengestützten Vortrag halten müssen, dem sich ein Kolloquium anschließt. Seit 2007 werden Themen, Fächer und Ergebnisse dieser besonderen, neuen Prüfungsart im Hessenkolleg unter Federführung von Frau Gräb evaluiert; dies dient zur Weiterentwicklung von Standards und Themen der Präsentationsprüfungen. Präsentationen spielen seitdem im Fachunterricht eine immer gewichtigere Rolle.

Zunehmend attraktiv geworden ist der Erwerb der Fachhochschulreife, weil sie infolge des neuen Hessischen Hochschulgesetzes bei entsprechender Fächerwahl die Ausbildungszeit der Studierenden erheblich verkürzen kann. Dies bedeutet allerdings für das Kolleg, dass die Kursgrößen nach dem 2. Semester der Qualifikationsphase schrumpfen.

Den Vorkurs kann man seit geraumer Zeit nur nach einer Eignungsprüfung besuchen, so ist für jeden Bewerber ein Sprachtest Deutsch verbindlich. Seit einigen Semestern finden die Vorkurse nur noch vormittags statt mit einem dadurch ermöglichten erweiterten Fächerangebot. Das hat zur Folge, dass der Besuch der Vorkurse bei Vorliegen sonstiger Voraussetzungen auch nach dem BAFöG gefördert wird.

Seit den letzten zehn Jahren hat sich auch das Fächerangebot des Kollegs verändert: Informatik und Darstellendes Spiel gehören inzwischen selbstverständlich dazu und sind auf dem Wege, abiturfähig zu werden; Chinesisch hat sich etabliert. Insofern werden die Studierenden zeitnah auf die Informations-, aber auch auf die Weltgesellschaft vorbereitet.

Diesen organisatorischen Veränderungen stehen soziale, berufliche und wirtschaftliche Veränderungen gegenüber, wie sie im Wandel der Studierendenschaft der letzten zehn Jahre deutlich geworden sind. So hat eine Studie der Ruhr-Universität über alle Kollegs zutage gefördert, dass die meisten Studierenden aus der sozialen Mittelschicht (wenn dieser Begriff noch verwendungsfähig ist) stammen, aber nicht, wie eigentlich vermutet wurde, aus aufstiegsorientierten Unterschichten. Zunehmend finden sich unter ihnen Studierende, die keine einheitliche Erwerbsbiographie mehr vorlegen können, sondern eine Fülle unterschiedlicher Tätigkeiten verrichtet haben. Ebenso ist ein Wandel personaler und sozialer Kompetenzen zu beobachten, auf den durch eine Weiterentwicklung von Lernstandsdiagnose und Lernlaufbahnberatung zu reagieren ist, aber auch durch die Intensivierung der traditionellen Beratung durch die jeweiligen Kollegen. Versuche, erwachsenenspezifische Standards für diesen Bereich zu entwickeln, sind vor einigen Jahren aus verschiedenen, hier nicht zu erörternden Gründen gescheitert. Das Kollegium ist auf dem Wege, Beratung und Förderung (etwa durch Binnendifferenzierung, diese Steuerungsgruppe wird von Herrn Dr. Wiegand geleitet) qualitativ weiterzuentwickeln.

Diese Entwicklungen erfordern einen erhöhten Beratungs- und Förderungsbedarf. Individuelle Förderangebote – vor allem in den Kernfächern – sind ebenso notwendig wie die Intensivierung der Methodenkompetenz als Grundelement wissenschaftspropädeutischer Ausbildung.

Seit dem PISA-Schock wird von Schulen, also auch von Kollegs, erwartet, dass sie sich als lernende Organisation begreifen, dafür Mittel entwickeln und aus den Selbstbeobachtungen allein oder mithilfe anderer Bildungseinrichtungen entsprechende Schlüsse zur Verbesserung ihrer Arbeit entwickeln. Orientiert an amerikanischen und britischen Schulreformkonzepten, aber auch mithilfe der augenblicklich den Bildungsdiskurs beherrschenden empirischen Erziehungswissenschaften hat das Land Hessen einen 2011 erneuerten Referenzrahmen für Schulqualität vorgelegt, der ein verbindliches Raster zur Erfassung von Qualitätsmerkmalen umfasst. Dieses Raster ist auch Grundlage für die Schulinspektion gewesen, bei der das Kolleg 2011 recht gut abschnitt. Ihm ging 2008 ein unter erheblicher Beteiligung des seit 2000 erheblich verjüngten Kollegiums verfasster, umfangreicher ArtSet-Selbstreport voraus, in dem es unter großem Arbeitsaufwand, aber mit gebührender öffentlicher Anerkennung sein Selbstverständnis von Schulqualität und sein noch heute akzeptiertes Leitbild formulierte.

In Folge der Schulinspektion haben sich die Kollegen darauf verständigt, den Anteil an Binnendifferenzierung im Regelunterricht zu erhöhen. Dazu gehört einerseits die Beschaffung eines geeigneten, den Ergebnissen individuellen Lernstanderhebungen entsprechenden Materialpools in zentralen Fächern (Deutsch und Mathematik), andererseits die Einführung adäquater Evaluationsmittel, die die Erfolge solcher Bemühungen sichtbar machen können.

Schulentwicklung gelingt unter diesen Aspekten allerdings nur, wenn sich die Lehrer selbst laufend fachlich und erwachsenendidaktisch fortbilden. Dies ist angesichts der Veränderung der Arbeitsbedingungen durch die Erhöhung der Pflichtstundenzahl ein heikles Unterfangen, zumal immer mehr Fortbildungsveranstaltungen von privaten Unternehmern nicht selten zu recht hohen Preisen angeboten werden.

Der den Bedürfnissen der Erwachsenen entsprechende Kollegunterricht, ausgerichtet an besonderen erwachsenenspezifischen Inhalten vor allem in den sprachlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, scheint im Gegensatz zu der politisch gewollten und prämierten „Selbstverantwortung plus-(Berufs-)schule“ zunehmend eingeschränkt durch zentrale Steuerungselemente wie Einführungserlasse und zentrale Prüfungen. Noch haben Kollegs eigene Lehrpläne, aber die Absicht, zentrale Bildungs-Standards sogar bundesweit zu entwickeln, wird allenthalben kundgetan, allerdings bei gleichzeitiger Stärkung der Schulcurricula. Darin bestünde die Chance, über erwachsenspezifische Inhalte („Domänen“) die Eigenständigkeit der Kollegs zu bewahren.

Weiterentwickelte Strukturen, wie etwa die enge Kooperation mit der Oberstufe des Abendgymnasiums Kassel im Gebäude des Hessenkollegs oder ein Unterrichtsangebot im Baukastensystem, sollten in absehbarer Zeit verwirklicht werden, um die Attraktivität und damit auch die Finanzierbarkeit der Erwachsenenbildung in Kassel zu sichern. In den letzten zehn Jahren ist man auf diesem Wege leider nicht weitergekommen, da sich die beiden Schulträger, das Land Hessen und die Stadt Kassel, noch nicht haben einigen können.

Die individuelle Gestaltung von Bildungschancen ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft“ schrieb der ehemalige Schulleiter Martin Witzel in der letzten Festschrift. Dies gilt heute mehr als früher, denn mittlerweile hat sich im Bildungsdiskurs die Forderung durchgesetzt, den je einzelnen Studierenden in seinen je unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten zum selbstständigen Erwerb von Bildung zu fördern. Andererseits bestreitet man kaum, dass der Erwerb von Allgemeinbildung, die Entfaltung der Persönlichkeit, die Ausbildung fachlicher und sozialer Kompetenzen (wie etwa Höflichkeit, Toleranz, Gesprächsfähigkeit und -fertigkeit) und die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen deshalb entscheidende Qualifikationen sind. Diese Zielsetzungen finden in dem Leitbild des Kollegs ihren Niederschlag.

Nachdem die bauliche Erweiterung des Kollegs in den neunziger Jahren die lange herbeigesehnte Verbesserung der Fachräume ermöglicht hatte, wuchs die Hoffnung auf einen dauerhaften und lang anhaltenden Anstieg der Studierendenzahlen, insbesondere auch im Hinblick auf die vielfach geplante, bis heute nicht verwirklichte räumliche, personelle und organisatorische Zusammenlegung von Hessenkolleg und Abendschule zu einem Kompetenzzentrum, das sowohl den Bedürfnissen der Abendhaupt- und -realschulen als auch dem studienqualifizierenden (und vielleicht eines Tages studienbegleitenden) Hessenkolleg und Abendgymnasium dienen kann. (vgl. dazu im Einzelnen den Artikel von E. Wagner).

Andererseits ermöglichte die in den letzten zehn Jahren verbesserte Einrichtung der Unterrichtsräume mit digitalen Medien (Beamer, elektronische Tafeln, Laptops, neue Computerräume) und auch die Bibliothek, die dank des Einsatzes von Herrn Bergmann und Herrn Schrodt häufig geöffnet ist, eine systematische und alle Fächer umfassende Konzeption des selbstständigen Lernens im Sinne der Förderung von Problemlösekompetenzen. Dadurch erhöht sich die Chance, dass Eigenständigkeit im Lernen und Methodenkompetenz der Erwachsenen – bekanntermaßen seit Anbruch des neuen Jahrtausends besonders hoch geschätzte Kompetenzen – weiter verbessert werden können.

Die naturwissenschaftlichen Fach- und Vorbereitungsräume entsprechen ebenso den Kriterien der Erwachsenenbildung wie der Informatik-Raum oder die Sprachwerkstatt. Die Anleitung und die Möglichkeiten zum eigenständigen Lernen können hier ganz besonders in vielfältiger Form realisiert werden.

Eine solche Ausstattung zeitnah zu organisieren wäre ohne eine selbstständige, effektive und kompetente Haushaltsverwaltung durch einen im Kolleg etablierten Amtmann kaum möglich gewesen. Bisher hat eine enge Zusammenarbeit von Schulleitung, Kollegium und dem Sachbearbeiter Herrn Wolff garantiert, dass möglichst viele innovative Ideen auch tatsächlich umgesetzt, d.h. finanziert werden können.

Die vor zehn Jahren eingeführte „Neue Verwaltungssteuerung“ hat zwar im schulischen Alltag keine Veränderungen bewirkt, aber auf der Ebene der Schulleitung. Neuerdings sind die Schulen für Erwachsene in den Buchungskreis der Berufsschulen eingebunden. Gleichzeitig erleben wir eine Kürzung der finanziellen Mittel, was dem politisch gewollten Grundsatz der selbstverantwortlichen Schule widerspricht. So hat der Bericht des Landesrechnungshofes aus dem Jahre 2007 festgestellt, dass das Abitur an Hessenkollegs ca. 29.000 € koste. Daraus hat er weitreichende Folgerungen für die Neuorganisation der Schulen für Erwachsene gezogen, die zum Teil in die aktuelle Politik eingegangen zu sein scheinen.

Seit über zehn Jahren versuchen Bildungspolitiker des Bundes und des Landes, die Vorstellung vom lebensbegleitenden bzw. lebenslangen Lernen organisatorisch und inhaltlich zu gestalten. Seit 2000 wurde der Versuch unternommen, im Projekt „Lernende Regionen“ einen Verbund aller möglichen Träger von Erwachsenenbildung in Nordhessen zu etablieren. Diese Organisation sollte, zunächst mit EU-Mitteln gefördert, selbsttragende Konzepte entwickeln, vor allem aber auch das System in Bezug auf mögliche Synergieeffekte hin analysieren und ggf. nutzen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sollte sie sich aber selbst finanzieren, was dann als Folge hatte, dass das Projekt wegen der Verschiedenheit der Beteiligten damit endete, dass eine gemeinsame Internetplattform entwickelt worden ist, die Bildungssuchende einschlägige Bildungsangebote zur Verfügung stellte.

Dieses Projekt ist 2007 unter veränderten Bedingungen durch den „Hessencampus“ abgelöst worden, in dem Träger der Erwachsenenbildung, vor allem Volkshochschulen, Berufsschulen und Schulen für Erwachsene, aber auch andere Kultureinrichtungen zusammenarbeiten. „Ziel ist es, Wissen und Kompetenzen von Beruflichen Schulen, Schulen für Erwachsene, Volkshochschulen und anderen Institutionen zusammenzuführen, den Bürgerinnen und Bürgern vielfältige Bildungsangebote zu eröffnen und durch die neue Zusammenarbeit Doppelstrukturen zu vermeiden“. Der Hessencampus „unterstützt Bildungsaktivitäten in Berufs- und Lebenswelt und versteht sich als Schnittstelle regionalwirtschaftlicher Bildungsbedürfnisse, der Entwicklung nutzerorientierter Bildungsangebote und der Förderung individueller Bildungsorientierung. Hessencampus Kassel möchte den Menschen in der zunehmend komplexer werdenden Lebens- und Berufswelt Orientierung anbieten und lebensbegleitendes Lernen unterstützen“.

Auch hier gewährte das Land Hessen eine gewisse Zeit lang eine Anschlussfinanzierung, zurzeit müssen sich die einzelnen, höchst unterschiedlichen Mitglieder auf eine gemeinsame Finanzierung einigen. Das Kolleg hat bis zur Etablierung einer nordhessischen Bildungsberatung aktiv daran mitgearbeitet, sah sich aber aus dienstlichen Gründen nicht mehr in der Lage, diese Aktivitäten weiter durchzuführen. Immerhin findet sich das Angebot des Kollegs auch auf dem einschlägigen Internetportal.

Diese Zusammenarbeit hat eine Reihe bedeutsamer Aspekte für die Erwachsenenbildung: Zum einen werden hier alle regionalen Bildungsangebote gebündelt (welche Bedeutung dies für das wachsende Feld von E-learning hat, müsste anderweitig erörtert werden), zum anderen sind Synergieeffekte räumlicher, personaler und organisatorischer Art möglich, die Standardisierung von Abschlüssen entsprechend des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens ist denkbar und die Ausweitung der Adressatengruppe unabhängig von der jeweiligen Erwerbsarbeit. Da nicht alle Kollegs und Abendschulen an Hessencampus teilnehmen, können sie unseres Erachtens heute noch nicht die Möglichkeiten nutzen, die sie als Garanten einer studienqualifizierenden Allgemeinbildung dort hätten.

Seit Jahrzehnten werden am Kolleg Lehrer im Vorbereitungsdienst (weiland Referendare geheißen) ausgebildet. Zwar stellt der Besuch unterschiedlicher Ausbildungsorte – das Kolleg hat keine Mittelstufe – für die Lehrer im Vorbereitungsdienst erhebliche Anforderungen an ihr Organisationstalent, aber sie haben dadurch bessere Möglichkeiten, Lehr- und Lernerfahrungen von Kindern, Jugendlichen und eben auch Erwachsenen kennenzulernen. Dies kann auch als Ausbildungsvorteil verstanden werden, spielt doch in Zukunft die studienqualifizierende Ausbildung eine immer größere Rolle.

Nach wie vor ergreifen Studentinnen und Studenten der Universität Kassel die Möglichkeit, ihre Schulpraktika im Kolleg zu absolvieren. Somit erhält auch das Kolleg – im Sinne des gewünschten lebenslangen Lernens – die Möglichkeit, an der Weiterentwicklung der Lehrerausbildung teilzunehmen.

Die jährlich stattfindenden Projektwochen, regelmäßigen Exkursionen vor allem nach Weimar, Studienfahrten nach Berlin, Prag, London, Frankreich und England sowie die Schulfeste sind bewährte und beliebte Elemente, den Unterrichtsalltag zu verschönern und außerschulisches Lernen zu fördern.

Der enge Kontakt mit der Kantonalen Maturitätsschule, unserer Partnerschule in Zürich, wird seit etwa zwanzig Jahren durch regelmäßige gegenseitige Besuche von Studierenden und engagierten Kolleginnen und Kollegen gepflegt und vom Förderverein tatkräftig unterstützt.

Dies bietet den Studierenden die Möglichkeit, ihren Gesichtskreis persönlich (nicht wie zunehmend nur medial) zu erweitern, in der Begegnung mit anderen Lern- und Lebensformen eigene und vertraute Einstellungen und Haltungen kritisch zu hinterfragen, aber auch Formen internationaler Geselligkeit zu erfahren und mitzugestalten. Das gemeinsame Lernen und die intensive Begegnung mit anderen Studierenden, die nicht der gewohnten Lerngruppe im Schulalltag angehören, erweitern die soziale Kompetenz und motivieren zum kreativen Arbeiten.

Dankbar ist an dieser Stelle der Förderverein (zurzeit ist Herr Wilke der Vorsitzende) zu erwähnen, dem ehemalige Studierende und Kolleginnen bzw. Kollegen angehören. Er hat seit seiner Gründung die Studierenden bei Exkursionen und Studienfahrten finanziell unterstützt, sich aber auch bei besonderen Vorhaben wie die der Theater-AG und des „Darstellenden Spiels“ großzügig gezeigt. Durch Vorträge seiner Mitglieder, Berufsberatungen, Angebote von Praktika, Matineen, in denen Ehemalige ihre beruflichen Erfahrungen den Studierenden vortragen, und durch Hilfen bei unterschiedlichen Formen der Öffentlichkeitsarbeit haben sich alle Beteiligten um das Kolleg verdient gemacht. Dass der Förderverein vordem ein heute nicht mehr benötigtes Internetcafé im Kolleg betrieben hat, zeigt einerseits Weitsicht und Generosität, andererseits aber auch seine Flexibilität, auf den raschen technologischen Wandel, insbesondere die zunehmende Vernetzung der Menschen untereinander, mit anderen Formen der Förderung reagieren zu wollen. So lässt sich gerade diese Unterstützung als ein Beispiel „lebenslangen Lernens“ rühmen.

Zum fünfzigsten Jubiläum wünschen wir uns, dass der Verein auch in Zukunft genügend Mitglieder findet, die durch ihre Beiträge oder anderweitige berufsbezogene Angebote zukünftigen Studierenden bildungsfördernde Wohltaten angedeihen lassen können.

Was sind 2012 die Perspektiven des Kollegs? Diskutiert werden folgende Möglichkeiten:

  • Beibehaltung des Status quo mit weiterer Anpassung an die gymnasiale Oberstufe (Lehrpläne, Kursorganisation, zentrale Abiturprüfung);

  • ein Kompetenzzentrum als Zusammenlegung mit der Abendschule für Erwachsene, wenn die entsprechenden räumlichen Umgestaltungen vorgenommen worden sind (vgl. dazu den Artikel von E. Wagner);

  • Eingliederung in eine berufliche Schule in Kassel als eine Abteilung unter vielen; diese Möglichkeit wird im neuen Hessischen Schulgesetz eröffnet;

  • Universitäts-Kolleg“; hier können Brücken zwischen schulischer Allgemeinbildung und wissenschaftspropädeutischen Anforderungen der Universitäten gerade für diejenigen Studenten geschlagen werden, die infolge der Öffnung der Universitäten ohne Zeugnis der Hochschulreife studieren. Ein erster Versuch ist in Hamburg gestartet worden.

Nach Lage der Dinge bedeuten diese Szenarien für das Hessenkolleg in jedem Falle einen Verlust an Selbstständigkeit und an Möglichkeiten, eine selbstverantwortliche Schule zu bleiben bzw. zu werden.

Was schließlich ist aus unseren Studierenden geworden? Mittels Internet lassen sich die erreichten beruflichen Positionen einiger Studierender wenigstens rudimentär ermitteln. Sie seien hier in loser Reihenfolge genannt: Rechtsanwälte und Regisseure, Journalisten und Justitiare, Landtags- und Bundestagsabgeordnete, Geschäftsführer in unterschiedlichen Branchen, Grafik-Designer, Lehrer, Ministerialräte und Museumskustoden, Ärzte und Steuerberater, Künstler und Schuldirektoren, Zahnärzte und anderes mehr.

Für sie hat sich der erfolgreiche Besuch des Hessenkollegs gelohnt, aber auch für uns und für Hessen – er wird sich auch in Zukunft weiter lohnen. Denn ein Vielfaches von dem, was das Land und der Bund für ihr Abitur und für ihr Studium aufgewendet hat, erhalten wir von ihnen zurück, in Heller und Pfennig nur ungefähr berechenbar. So hat der Landesrechnungshof die Aufwendungen für ein Abitur im Kolleg mit ca. 29.000 Euro beziffert. Geht man davon aus, dass die Studierende nach einem Studium noch ca. 35 Jahre arbeiten, dabei im Jahr durchschnittlich die Summe verdienen werden, die ihre Ausbildung am Kolleg gekostet hat, so übertrifft der Gewinn für die Gesellschaft alle üblichen Gewinnerwartungen. Von der Vermehrung von Wissens-, Erkenntnis- und Gestaltungschancen ganz zu schweigen.

Angesichts der nach wie vor bestehenden Notwenigkeit, das staatliche Bildungsanbot im Sinne einer Stärkung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung weiterzuentwickeln, ein professionell gestaltetes Bildungsangebot auf studienqualifizierendem Niveau erwachsenen Lernwilligen vorzuhalten, angesichts der vielfach beklagten, aber auch erwiesenen hohen Zahl von Bildungsverlierern und angesichts der neuerdings wieder zutage getretenen erfreulichen Perspektiven akademischer Berufe hätte das Kolleg eine bedeutende bildungspolitische Zukunft. Zusammenarbeit mit anderen Trägern der Erwachsenenbildungen wird gewollt und gefördert, wie das Hessencampus zeigt, aber die Ausrichtung auf eine studienqualifizierende Ausbildung ist unerlässlich, um die Inanspruchnahme staatlicher Ressourcen zu rechtfertigen. Denn je höher der später erreichte Bildungsabschluss, desto höher ist auch der volkswirtschaftliche Nutzen für den Staat. Jenseits dieser ökonomischen Verrechnung von Bildung ist eine studienqualifzierende Allgemeinbildung auch notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung demokratischer Lebensformen. Studienqualifizierende Bildung kann wie nichts anderes von Vorurteilen befreien und freimachen zu verantwortlichem Handeln für das Gemeinwohl.

Daher bleibe auch die nächsten fünfzig Jahre das Motto des Kollegs: „Bildung ist der Ausgang des Menschen aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit, deshalb wage Dich auch als Erwachsener auf den Weg zum Kolleg!“