Darstellendes Spiel (DS)

Darstellendes Spiel am Hessenkolleg

 

 

Am Hessenkolleg Kassel werden Fächer der ästhetischen Bildung wie Kunst und Musik schmerzlich vermisst. Einzig Darstellendes Spiel wurde seit einigen Jahren als Wahlangebot zunächst von meinen Kolleginnen Frau Kaeding und Frau Knieling, schließlich von mir selbst unterrichtet. Voraussetzung dafür war, dass wir neben unserem Unterricht in zwei Semestern eine qualifizierte Fortbildung in Göttingen absolvieren mussten, um die Lehr- und Prüfungsbefähigung für dieses Fach zu erwerben.

Das Fach ist in der hessischen Bildungslandschaft noch relativ neu und deshalb glauben noch immer viele, es handele sich um ein Fach, in dem man vor allem „ein bisschen Springen und Tanzen“ lernt. Dabei ist es ein komplexes Unterfangen, Studierende darin zu unterrichten, wie die darstellende Kunst funktioniert.

Am Anfang eines solchen Kurses steht zunächst einmal die Frage, was Theater überhaupt ist und wie Theaterspielen funktioniert. Was kann alles eine Bühne sein? Wie erkennt man, dass jemand spielt und was er/sie spielt? Wie wird jemand zum Zuschauer? Und wie nutzt man die vielfältigen Möglichkeiten?

Im Zeitalter der elektronischen Medien ist es wichtig, die Besonderheiten des Theaters und der damit verbundenen gleichzeitigen Präsenz von Zuschauer und Darsteller kennenzulernen und die spezifische Wirkung, die diese Simultaneität hat, zu erkunden. Der Unterricht im Fach Darstellendes Spiel richtet deshalb sein Augenmerk neben dem natürlich zentralen eige­nen praktischen Theaterspielen auch auf das kritische Rezipieren von Theater und auf Thea­tertheorie. Es wird also z.B. Erika Fischer-Lichtes Definition dessen, was theatrale Zeichen sind und wie sie funktionieren, unterrichtet, sowohl, um sie selbst bei der Produktion eigener Theaterszenen in unterschiedlicher Gewichtung einzusetzen und deren Wirkung zu beobach­ten, als auch, um sie in professionellen Theaterinszenierungen zu entdecken und Interpretati­onsansätze dafür zu entwickeln. Oder es werden verschiedene Inszenierungskonzepte (z.B. von Stanislawski, Brecht, Boal, Jelinek) zunächst theoretisch erarbeitet und dann praktisch in eigenen Szenen umgesetzt bzw. an professionellen Theaterszenen beobachtet und deren Wir­kungsweise ermittelt. In so gut wie jeder Stunde sind die Studierenden sowohl Schauspieler als auch Zuschauer, sie wechseln zwischen diesen beiden Rollen hin und her, spielen selbst, beobachten und reflektieren das Spiel der anderen. Eine wichtige Frage nach jeder Präsenta­tion ist: „Was haben Sie gesehen?“ So wird zum einen überprüft, inwiefern sich Wirkungsab­sicht und tatsächliche Wirkung decken, als auch der Interpretationsspielraum ausgelotet, der durch den bewussten (aber auch den unbewussten) Einsatz von theatralen Zeichen entstehen kann.

Um eigene praktische Theaterarbeit zu leisten, sind viele Vorübungen nötig. Manch einer hat dabei schon mal das Gefühl, sich „zum Affen“ zu machen, z.B. wenn ein so genanntes Soundscape zu einer Urwaldszene entwickelt werden soll und dazu jede/r mit geschlossenen Augen im Raum verteilt Geräusche nachahmt, die ihm/ihr zur entsprechenden Situation ein­fallen. Aber wer einmal im Theater ein Soundscape gehört hat, erkennt schnell, dass, wenn es die Qualität eines vielstimmigen Chors hat, der Zuschauer sich allein über die Geräusche in eine andere Welt versetzt fühlt.

Viele Übungen dienen dazu, Körperbewusstsein und Körperspannung zu erzielen, die für die Bühnenpräsenz des Schauspielers sehr wichtig sind. Andere Übungen sollen helfen, Gefühle zu imitieren, die eine Figur auf der Bühne hat. Da kann man – auch das lernen die Studierenden im DS-Kurs – von innen nach außen vorgehen, d.h. sich z.B. an eine Situation erinnern, die ein bestimmtes Gefühl (Wut/Trauer/Freude…) in einem ausgelöst hat, um so dieses Gefühl auf Abruf zu reproduzieren. Oder man geht „von außen nach innen“ vor und überlegt, was für eine Körperhaltung, was für einen Gesichtsausdruck ein Mensch mit einer bestimmten Stimmung üblicherweise hat (z.B. Schultern hängen lassen für Trauer/Resignation) und erzeugt das entsprechende Gefühl im Schauspieler über das Einneh­men dieser Körperhaltung und Mimik, z.B. beim Formen einer menschlichen „Skulptur“.

Wieder andere Übungen sind dazu da, den „peripheren Blick“ zu trainieren, damit man die anderen Schauspieler niemals ganz aus den Augen verliert, denn das Zusammenspiel mit den anderen ist sehr wichtig und muss ebenfalls auf verschiedensten Ebenen trainiert werden. Wenn am Ende die Schauspielertruppe nicht zusammenarbeitet, nicht einfach jeden Teilneh­mer annimmt und als Teil der Gruppe akzeptiert und wenn nicht jeder einzelne seine eigene Rolle verantwortungsvoll annimmt und sich mit aller Kraft und Konzentration einbringt, funktioniert das gesamte Stück nicht. Schon der Ausfall eines einzigen Schauspielers macht die Aufführung des Stücks unmöglich.

Es hat in den vergangenen Jahren einige kleinere und größere Produktionen der DS-Kurse gegeben, das reichte von dramatisierten Fassungen von Gedichten (z.B. Schillers „Die Bürg­schaft“, Goethes „Der Zauberlehrling“) über die Arbeit mit dramatischen Texten (Urs Wid­mers „Top Dogs“, Arthur Schnitzlers „Der Reigen“ und „Deadline“ nach Henning Mankell) bis zu freien Improvisationen z.B. mit Variationen auf die Wortendung „-tisch“ und Experi­menten mit „unsichtbarem Theater“.

Im Verlauf der letzten Jahre gab es immer wieder sehr gewinnbringende Kooperationen zwi­schen Darstellenden-Spiel-Kursen des Hessenkollegs und dem Kasseler Staatstheater: Workshops zu verschiedenen Stücken; Theaterführungen, die Teilnahme an den Schulthea­tertagen und auch das so genannte Jugendabo, an dem in den letzten Jahren kursübergreifend einige Studierende teilgenommen haben.

Die Einführung des Fachs Darstellendes Spiel am Hessenkolleg kann als großer Gewinn be­zeichnet werden, weil es den Studierenden die Möglichkeit der kreativen Arbeit bietet und da es andere ästhetische Bereiche (Kunst, Musik, eventuell Tanz) ebenfalls einbindet und Aus­drucksmöglichkeiten sowohl für literarische Stoffe als auch für eigene Gefühle und Konflikte schafft und weil es den Studierenden neben ästhetischer Bildung auch Sozialkompetenzen vermittelt. Es führt zu einem erhöhten Interesse am Theater und zwar auf einem ganz anderen Weg als der traditionelle Deutschunterricht das leisten kann. Es ist ein Fach, das theoretisches Wissen mit allen Sinnen erfahrbar machen kann wie kaum ein anderes und es ist ein Fach, das ganz viele Möglichkeiten bietet, individuelle Fähigkeiten der Studierenden zu fördern – und dieser Individualisierung zum Trotz lässt es zugleich einen großen Zusammenhalt zwischen den Teilnehmern entstehen.

Dr. Catrin Siedenbiedel (bis 2012 Lehrerin für Deutsch, Englisch und DS am HKK)

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