Archiv der biografischen Beiträge

Rückblicke auf das Kollegleben (Teil 1)

Veni, Vidi, Vici…. = ich kam, sah und siegte!

…Boah, klingt das angeberisch! Aber so, wie es auf den ersten Blick aussehen mag,

ist es gar nicht gemeint, vor allem längst nicht so eindeutig und scheinbar von vorneherein klar… aber fangen wir von vorne an, dann versteht man es auch besser …

1) Veni :
Wie kommt man auf die Idee, mit fünfundzwanzig das Abi nachzumachen?

Private familiäre Gründe sowie auch die Tatsache, keinen Bock mehr auf Schule zu haben, führten damals dazu, dass ich 1995 nach der 10. am Gymnasium der XYschule in X-Hausen zunächst eine Ausbildung als Industriekauffrau bei der XY-fabrik begann und auch abschloss. Das Büroleben, so stellte sich heraus, war aber letzten Endes nicht mein beruflicher Wunschtraum; zuviel Rumgezicke, zu viele Tupper-Partys; zu weit weg von dem, was man für sich selbst als „Sinn des Lebens“ bezeichnet.

Als ich grade Sechzehn geworden war, war ich trotzdem ganz froh, nicht noch länger in der Schule rumhängen zu müssen, meine Noten waren damals grau-en-haft! Ich war zwar auf dem Gymnasium gewesen, aber auf die Riesenlatte von Vieren und Vier-Minussen in meinem Zeugnis konnte ich mir wahrhaft nichts einbilden. (In Kunst hatte ich eine Zwei, das war aber auch schon alles (aber Hauptsache cool!)…

2001 ging ich an die Freiburger Jazz-und Rockschule; ich wollte unbedingt Musik studieren, Populärmusik selbstverständlich! Da blieb ich knapp drei Monate: Erstens merkte ich, dass es nicht immer Spaß machen muss, ein Hobby zum Beruf machen zu wollen, zweitens fand ich die Schule vom Preis-Leistungs-Verhältnis (es war eine Privatschule) sehr zweifelhaft und drittens vermisste ich dann doch mein geregeltes Leben und meine Familie sehr. – Man kann daran erkennen, dass ich keineswegs der mutige Abenteurer bin, für den einen viele Menschen halten, nur weil man das Abi „nachmacht“.

Als ich wieder zurück in die Firma ging (ich brauchte schließlich dringend Geld, um die blöde Schule noch ein Jahr lang zu bezahlen und hatte das Glück, dass mein damaliger Arbeitgeber auf der Suche nach einer Art Speditionskauffrau war), kam ich in eine andere Abteilung, in der ich nicht nur die Arbeit, sondern auch das Arbeitsklima ganz schrecklich fand. Ich hatte schon nach kurzer Zeit das Gefühl, vom Regen in die Traufe gekommen zu sein. Es gab ständig Verleumdungen, Verdächtigungen, auf niemanden konnte man sich mehr verlassen. Es war kurzum so, wie es heutzutage in vielen anderen Firmen ebenfalls „Usus“ ist.

Nachdem ich mich dann noch fast eineinhalb Jahre rumgequält hatte, beschloss ich, endgültig einen Schlussstrich unter meinen bisherigen Job, zumindest in dieser Firma, zu ziehen. Es ist mir damals nicht leicht gefallen, mir einzugestehen, dass es SO einfach nicht weitergehen konnte, ich aber trotzdem nicht sicher wusste, ob ich mit etwas anderem überhaupt glücklich werden würde bzw. überhaupt etwas anderes KÖNNTE. Der Abi-Gedanke, der mir seit Freiburg („na und, wenn ich nicht Musik studiere, kann ich ja trotzdem immer noch irgendwann mein Abi nachmachen, oder!?…?“) immer wieder im Kopf rumgegeistert war, erwies sich nun als Hoffnungsschimmer, genau genommen als EINZIGER Hoffnungsschimmer, denn ich hatte absolut keine Vorstellungen, wie mein Leben nun weitergehen sollte!

Heute weiß ich nicht mehr, wie ich ausgerechnet zur Adresse des Hessenkollegs kam, ich glaube aber, ich habe damals im Berufsinformationszentrum oder beim Arbeitsamt angefragt, wo man hier bei uns das Abi auf dem zweiten Bildungsweg machen könne. Schnell war ich mir klar darüber, dass das alles sehr gut klang für mich:
– VOLLZEIT-Schule (also wieder Schüler sein, das nachholen können, was ich früher aus purer Faulheit verbockt hatte)

– BAföG (um die 500 Euro, die man NICHT zurückzahlen muss)

Und vor allem: Wenn ich das Abi hätte, wäre ich frei! Ich wurde mir klar darüber, dass ich so ziemlich ALLES studieren könnte, was ich wollte, wenn ich mich nicht ganz doof anstellte.

2) Vidi:

Um es kurz zu machen: ich wagte es. Meldete mich an. Kaufte mir ein Mathebuch über Prozentrechnung (denn in Mathe war ich immer ganz besonders schlecht gewesen, seit der fünften Klasse etwa…..) und begann im Februar 2003 den Vorkurs zu besuchen:
Ich hatte einfach totale Panik, dass ich – aufgrund mehrfach erwähnter Faulheit sowie der Tatsache, dass ich die letzten drei Schuljahre eigentlich nur träumend Blumen auf meine
Hefte gemalt und Sinnsprüche daneben gekritzelt hatte – es ohne den Vorkurs gar nicht schaffen würde, aufgenommen zu werden!

Also ging ich hin. Bekam wieder Übung in den positiven und den negativen Zahlen, den englischen „Tenses“ (die ich bis heute nicht wirklich hundertprozentig beherrsche) und in so Sachen wie „Inhaltsangaben im Unterschied zu Erörterungen“ und dergleichen.
Drei Abende, je zwei Stunden. Tagsüber jobbte ich dreimal pro Woche in einer kleinen Bäckerei und bezog dann, nach drei Monaten (ich hatte ja in meiner alten Firma selbst gekündigt) Arbeitslosengeld. Der Sommer kam und wir hatten alle schon viel Spaß zusammen gehabt. Es war eine laue Zeit wie nie zuvor und nie wieder danach. Natürlich machte ich immer brav meine Hausaufgaben (ich hatte immer noch große Panik, es nicht zu schaffen) und passte auf, aber auf wundersamer Weise war das alles plötzlich gar nicht mehr so schwer, wie es mir in der Schule immer erschienen war. Es machte Spaß! Die Lehrer waren sehr nett und ich lernte viele liebe Freunde kennen.
Fast alle meiner damaligen Mitschüler begannen im September 2003 mit der elften Klasse (einige sprangen ab, weil sie lieber doch an eine andere Schule gehen wollte, andere mussten zum Bund…). Das Hessenkolleg war für uns wie eine kleine, schöne, in sich geschlossene Welt. Es macht Spaß, noch mal zur Schule zu gehen, wenn man plötzlich weiß, für wen man geht, nämlich für sich selbst.
Wir hatten viel Spaß zusammen und die Lehrer sind wirklich alle wahnsinnig nett, so dass es einem noch leichter fiel, morgens um sieben aufzustehen.
Neue Freundschaften, Cliquen, Nachbarschaften und auch WGs entstanden…plötzlich schrieb man gute Mathenoten, weil man sich einfach ein bisschen mehr anstrengte als mit 15 ….

3) Vici:
Und plötzlich war sie da, die Prüfungszeit, und entgegen aller netten Tage, zufriedenstellender Noten und Versicherungen der Lehrer, man würde das Abi locker schaffen, glaubte man plötzlich wieder, man sei viel zu doof dafür und würde bestimmt durchfallen!!!
Ja, eine aufregende Zeit! Bücher wälzen, in Kleingruppen zusammenhocken und sich gegenseitig immer wieder versichern: „Ja, DUU schaffst das ja wohl locker, aber ich….?“.., die Lehrer in den Wahnsinn treiben („Nur son KLEINER Tip, Frau S. ?..“), tassenweise Kaffee, Hochs, Tiefs und Gejammer….
Und als es soweit war, kamen alle durch, die meisten sogar sehr gut.
Es war alles nicht so schlimm gewesen und wir waren wahnsinnig stolz auf uns.
Nun winkt uns die Uni, stehen uns Wege offen, an die die meisten vor dem Hessenkolleg nicht einmal zu denken wagten, und jetzt trauen wir uns auch, weiterzugehen.
Beinahe alle von uns haben ein Hochschulstudium begonnen, wir sind über ganz Deutschland verstreut und leben ein anderes Leben als vorher. Wir sind dabei, uns selbst zu finden und uns mit fortschreitender Zeit vielleicht auch mal Dinge zuzutrauen, von denen wir früher nicht zu träumen gewagt haben.
Ich bin heute immer noch froh und glücklich über meinen Entschluss, das Abi nachzumachen.
Ich bin jetzt 28 Jahre alt, habe gerade das zweite Semester Gymnasiallehramt Deutsch/Mathe abgeschlossen und habe mich an der Uni (die wieder GANZ anders ist und an die man sich erstmal gewöhnen muss) gut eingelebt.
Ich bin überzeugt, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe und kann nur jedem raten, es zu wagen.
Kommen, sehen und siegen kann nämlich eigentlich jeder.

D. (Lg. 38)

Schreibe einen Kommentar