Archiv der biografischen Beiträge

Rückblicke auf das Kollegleben (Teil 2)

Manchmal stellt man schon in jungen Jahren falsche Weichen für das spätere Leben und bereut es hinterher sehr. So erging es auch mir, denn ich beschloss ohne Not, nach der „Mittleren Reife” von der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel abzugehen und nicht das Abitur zu machen.

Im Jahr 1992, ich war immerhin schon 55 Jahre alt, verheiratet und Mutter zweier Töchter, wagte ich endlich den Schritt, noch das Abitur nachzuholen, was mir all die Jahre nicht aus dem Kopf gegangen war. Die Zeit erschien mir günstig, denn unsere Töchter waren aus dem Haus und studierten, die eine in Hannover, die andere in Göttingen. Mein Mann äußerte Bedenken, wollte mich aber besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern unterstützen, da er selbst Mathematik und Physik studiert hatte. Der Anfang war schwer, meine Schulzeit lag ja fast 30 Jahre zurück, da muss man das „Lernen wieder lernen“.

Meine Pläne stießen natürlich nicht bei allen Verwandten und Freunden auf Zustimmung, das kann man auch nicht erwarten. Außer meiner Arbeit für die Schule musste ich mich ja weiter um unsere Kinder kümmern, nicht zu vergessen um meinen Mann, der doch einige Schwierigkeiten hatte, mich so oft als Gesprächspartner entbehren zu müssen, denn ich saß nun lange am Schreibtisch, um die vielen neuen Begriffe, Regeln, Vokabeln und Stoffe in meinen Kopf zu kriegen.

Die Einführungsphase ist der Test, ob man es überhaupt schaffen kann. Die Schülerinnen, etwa so alt wie meine Kinder, kamen aus allen möglichen Berufen oder hatten erst vor kurzem die Schule verlassen. Angefangen von Herrn Witzel, dem damaligen Direktor, und Frau Gossmann, seiner Sekretärin, waren alle Lehrer ausgesprochen nett und zuvorkommend zu mir. Ich glaube allerdings, dass so mancher anfangs seine Zweifel hinsichtlich meines Erfolges hatte.

Das spornte mich an, ich biss mich besonders in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie und Biologie durch, wobei mir sicher die spürbare Erwartung und Ermutigung der Lehrer half.

Meine Lieblingsfächer Deutsch, Französisch und Englisch bedeuteten aber immer eine Erholung für mich, da ich hier keine Schwierigkeiten hatte, mitzukommen, ganz im Gegenteil. Das lag wohl auch daran, dass ich in all den Jahren meiner Hausfrauentätigkeit immer Sprachkurse in der Volkshochschule belegt hatte.

Ich gewöhnte mir an, in jeder Unterrichtsstunde die wichtigsten Inhalte mitzuschreiben. Zu Hause wurden sie dann ins „Reine” übersetzt, wobei ich gleich mein Gedächtnis trainierte. Das war natürlich meinen Mitschülern aufgefallen, und sie baten oft um die Skripten. Dann musste ich nur aufpassen, dass sie auch wieder in meinen Besitz gelangten.

Mein Mann gab mir für Mathematik mal den Rat, wenn ich das Gefühl hätte, überhaupt nichts mehr zu verstehen und ratlos zu sein, einfach einige Stufen des Unterrichts zurückzugehen und dann zu versuchen, den Anschluss wieder zu finden. Das war ein prima Vorschlag und hat oft geholfen. Auch das geht aber nur mit Fleiß, und den hatte ich reichlich.

Was mir die drei Jahre über aber fehlte, war ein Musikunterricht, denn ich spielte selbst leidenschaftlich Klavier. Ich sprach mit einem ehemaligen Schulkameraden meines Mannes, der als Musiklehrer in Wolfhagen beschäftigt war. Er hatte so seine Zweifel, ob man ihn für ein oder zwei Kurse engagieren würde. Ich traute mich, mit Herrn Witzel darüber zu sprechen. Seine prompte Antwort lautete: „Kein Geld, die Regierung hat nicht mal genug Mittel für unsere neuen Möbel im Neubau.“ Morgen komme ein Vertreter der Regierung, um mit ihm über die Situation zu sprechen, er könne mich gerne hinzuziehen, wenn ich das wolle. Natürlich wollte ich, und Frau Gossmann bat mich anderntags zum Chef. Wir hatten zu dritt ein langes Gespräch, in dessen Verlauf mir klar wurde: Für musische Fächer gibt es kein Geld. Wahrscheinlich hält man sie für entbehrlich. Dabei kann man so viel Kraft aus der Musik gewinnen, auftanken und sich dann mit neuer Energie von mir aus auf die Mathematik, Physik oder Chemie stürzen und einiges leisten. Nun, ich versprach dann im Scherz, einen Mäzen zu suchen, woraufhin Herr Witzel und der Regierungsmensch ganz begeistert klatschten, aber ich hatte ja andere Pläne.

Erwähnen möchte ich noch, dass ich im Laufe der Jahre einen Mitschüler, der Saxophon und Klarinette spielte, auf dem Klavier begleitet habe. Wir konnten dann auch auf der Abiturfeier spielen.

Mit der Zeit wurde es aber von Tag zu Tag schöner in der Schule. Wir wuchsen quasi immer mehr zusammen und halfen uns gegenseitig bei Schwierigkeiten. Öfter riefen mich Schulkamerad(inn)en an, um sich auszusprechen und getröstet zu werden. Wir hatten dann stets lange Diskussionen über den Sinn unserer Schinderei, und ich gab den Schülern den Rat, nicht viel nachzudenken oder gar zu trauern über eine verpatzte Arbeit, sondern einfach weiterzumachen.

Da ich mich hier kurz fassen muss, kann ich nicht die vielen interessanten und auch lustigen Erlebnisse meiner Schulzeit schildern. Wir hatten oft Spaß während des Unterrichts, denn die vielen unterschiedlichen Charaktere produzierten haufenweise Situationen, die uns erheiterten. Einige Male wurde ich bei Lehrproben von den Prüfern als Lehrerin begrüßt und musste mich dann als Schülerin „outen“. Meine Schulzeit fiel übrigens in die Zeit der Übernahme des Neubaus, und für die Eröffnung hatten wir in Biologie eine Ausstellung von Blüten- und Blätterpräparaten unter einigen Mikroskopen bestückt. Leider bekundeten die Herren von der Regierung so gar kein großes Interesse daran. Sie nahmen nur schnell ein paar für sie bereitgestellte Häppchen zu sich und entschwanden, so dass sich unser Biologielehrer furchtbar ärgerte.

Wenn ich heute an die drei Schuljahre zurückdenke, muss ich mich wundern, dass ich nicht manchmal zusammengebrochen bin, denn die Belastung mit Schule, Familie, Haus und Garten war doch sehr groß. Trotzdem habe ich es nie bereut und nicht ans Aufgeben gedacht. Im Gegenteil, mein Ehrgeiz, meine Begeisterungsfähigkeit und mein Wille es zu schaffen war so groß, dass ich fast alles ohne große Blessuren überstand. Dabei haben mir insbesondere mein Mann und die Lehrer(innen) durch ihre ermutigende Unterstützung geholfen, wofür ich ihnen heute noch dankbar bin.

Wenn man sich einen lange gehegten Traum erfüllt, der auch noch mit so vielen Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden ist, wachsen einem Flügel. Man fühlt sich plötzlich zu allem fähig. Es war ein ungeheures Glücksgefühl, das ich empfand, als ich schließlich das Abitur in der Tasche hatte.

Und was macht man nach dem Abitur? Für mich war immer klar, dass ich noch studieren will. Deswegen begann ich Ende 1995 an der Uni in Kassel mein Studium in „Psychologie, Soziologie und Pädagogik“, was ich Anfang 2002 mit dem Magisterexamen abschloss.

Ich bin heute sehr zufrieden mit meinem Leben, das nicht nur in familiären Bahnen dahin lief, sondern auch im fortgeschrittenen Alter noch aufregende Tage brachte.

Ich wünsche allen Schülern des Hessenkollegs viel Mut, Ausdauer und Kraft, damit sie das Abitur schaffen.

Marianne

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