Archiv der biografischen Beiträge

Rückblicke auf das Kollegleben (Teil 3)

Angefangen hat alles mit dem Vorkurs. Der Vorkurs sollte uns fit machen für die Aufnahmeprüfung und die spätere Zeit am Hessenkolleg. Wir trafen uns dreimal in der Woche am Abend und drückten wieder die Schulbank. Wir, das war eine bunt gemischte Gruppe, vielleicht zwischen 20 und 30 Jahre alt, mit den verschiedensten Biographien, Berufen, Hobbys und Interessen. Die unterschiedlichsten Gründe hatten uns hier zusammengeführt, und für die nächsten Jahre sollte das Hessenkolleg zum gemeinsamen Ort des „Lernen fürs Leben“ werden. Dass sich daraus der legendäre 25er-Lehrgang entwickeln sollte, war noch nicht abzusehen. (Und dass die Jahrgänge davor und wohl auch danach ebenso legendär waren, auch nicht).

Jetzt hieß es erst mal Deutsch-, Mathe- und Englischkenntnisse auf den neuesten Stand bringen, und später, als wir richtige Hessenkollegiaten waren, kamen zahlreiche Fächer hinzu, an die man sich aus der früheren Schulzeit nur noch dunkel erinnern konnte.

Und nicht nur Unterrichtsstoff war zu lernen, auch einige Regeln, bei denen sich der eine oder die andere nicht leicht tat. Kaffeetassen im Unterricht von Herrn Witzel, die Feinheiten der Essensausgabe bei Frau Wicke, pünktlich zum Unterricht erscheinen und die Hausaufgaben gemacht zu haben sind nur einige.

Dann war das erste Jahr geschafft, ein neuer Kurs rückte nach, wir waren schon fast alte „Hasen“, auf jeden Fall nicht mehr die Neuen. Zahlreiche Freundschaften hatten sich ergeben, vieles wurde gemeinsam unternommen, nicht nur Schulisches. Dies machte die besondere Atmosphäre am Kolleg aus: Die recht überschaubare Größe, so dass eigentlich jeder jeden kannte, hatte irgendwie etwas Familiäres. Jeder gehörte zur Gemeinschaft der Hessenkollegiaten und auch später traf man immer wieder Ehemalige, die vor oder nach einem selbst das Kolleg besucht hatten, die gleichen Lehrer hatten und in den gleichen Räumen saßen und ähnliche Anekdoten zu erzählen hatten.

So unterschiedlich wir auch waren, gemeinsam war, dass jeder Einzelne hier war, weil das bisher Erreichte nicht genug zu sein schien und für das noch zu Erreichende die bisherigen Schul- oder Berufsabschlüsse nicht ausreichten. Was das noch zu Erreichende genau sein sollte, war ebenfalls oft nicht ganz klar.

Ich hatte nach dem Zivildienst gewusst, dass ich Kunst studieren wollte und das Kolleg war so eine Art Zwischenstation auf dem Weg dahin. Im zweiten Jahr stellte sich heraus, dass die zweite Fremdsprache zu meiner großen Schwäche gehörte und das Abitur für ein Studium nicht zwingend erforderlich war. Also entschloss ich mich nach der zwölften Klasse das Kolleg zu verlassen.

Im gleichen Jahr kam auch Claudia nach einer kurzen Exkursion ans Berlin-Kolleg zurück nach Kassel. Daher war sie mir am Kolleg noch nicht aufgefallen. Claudia würde sagen, dass ich ihr aufgefallen bin. Wie auch immer, auf jeden Fall war dies die große Liebe und wir hatten und haben noch immer eine tolle gemeinsame Zeit.

Im Sommer 1992 hieß es dann Abschied nehmen vom mittlerweile so vertraut gewordenen Kolleg und es folgte die Studienzeit. Claudia war hier deutlich zielstrebiger als ich und es zeigte sich, dass ihre schulische Laufbahn wesentlich vielversprechender war als meine Künstlerkarriere. Nach dem Referendariat folgte die Zeit an der Offenen Schule Waldau, während ich nach dem Studium in den Automobildesignmodellbau wechselte. Mittlerweile sind wir in Berlin heimisch geworden, und die Frage, was wäre, wenn es das Kolleg nicht gegeben hätte, ist natürlich müßig. Auf jeden Fall war das Kolleg ein Wendepunkt, und obwohl wir beide im Laufe der Jahre die ehemaligen Kollegiaten aus den Augen verloren haben, erinnern wir uns doch immer wieder gern an die schöne Zeit am Hessenkolleg Kassel.

Bernd

Schreibe einen Kommentar