Archiv der biografischen Beiträge

Rückblicke auf das Kollegleben (Teil 5)

Meine Großmutter sprach immer vom College (Kolletsch), sie wohnte von 1962 bis 1990 in der Witzenhäuser Straße 12. College hatte für mich etwas Amerikanisches, und so dachte ich anfangs auch, es habe etwas mit dem damals in der Kasseler Innenstadt vorhandenem Amerikahaus zu tun. Außerdem besuchte ich damals noch die Realschule und von einem Zweiten Bildungsweg wusste ich wirklich noch nichts.

Das sollte sich ändern. Nach kaufmännischer Lehre und Dienstzeit beim Bundesgrenzschutz gefielen mir die Möglichkeiten meines beruflichen Fortkommens überhaupt nicht mehr. Als dann im Sommer 1971 einer meiner Freunde etwas vom Hessenkolleg in der Witzenhäuser Straße erzählte, klingelten bei mir alle Glocken: Omas College. Und plötzlich bekam auch die Arbeitsstelle von Michael-Olaf Maxelon, den ich durch das Engagement in meiner Kirchengemeinde kannte, eine ganz andere Bedeutung. Also gleich mit Maxelon Kontakt aufgenommen, und der machte mir Mut. „Schreiben Sie hin, bewerben Sie sich, machen Sie die Aufnahmeprüfung, das schaffen Sie schon“. Und so war es. Ab Februar 1972 gehörte ich zum Lehrgang IX, der dann zweieinhalb Jahre später das Abitur machte.

Wenn ich heute, 40 Jahre nach meinem Start am Kolleg, an meine zweite Runde auf der Schulbank nachdenke, dann stellt sich durchweg positives Gedankengut ein. Man fühlte sich im Kolleg schon nach kurzer Zeit wie daheim. Man zählte als Partner, der noch etwas lernen wollte, von Partnern, die eben mehr wussten, man war umgeben von Gleichgesinnten.

Wenn ich heute in Gedanken durch die Gänge des damaligen Kollegs schleiche, dann sind es nicht nur die Räumlichkeiten, die Revue passieren. Es sind auch Begebenheiten, Anekdoten, die sich wieder einstellen. Sie sind haften geblieben, weil sie aus einer Zeit stammen, in der man sich selbst neu gefunden hat, neue Wege gegangen ist, neue Möglichkeiten wahrnahm und neue Richtungen einschlug. Weil es eine Zeit war, an die man sich heute noch gern erinnert. Und weil sie der Türöffner für weitere neue Wege war.

Meine Großmutter übrigens, die freute sich damals, dass ich den Weg zum College gefunden hatte. Zum einen, dass ich das Abitur noch machte, zum anderen, weil ich jeden Dienstag auf das Mittagessen im Kolleg verzichtete, und bei ihr aß. Das fand sie gut, weil es in Gesellschaft eben doch besser schmeckt.

Peter Fritschler, früher Sportjournalist, heute Rentner und als freier Journalist tätig

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