Abitur

Die Studierenden des Hessenkollegs und aller Schulen für Erwachsene in Hessen schreiben das hessische Zentralabitur im Bereich der Schulen für Erwachsene. Die schriftlichen Prüfungen finden nachmittags statt, zeitgleich an allen Hessenkollegs und allen hesssichen Abendgymnasien.
Die Termine für die schriftlichen Prüfungen, die mündlichen Prüfungen und die Präsentationsprüfungen werden zu Semesteranfang in einem Terminplan veröffentlicht (siehe TERMINE).

Präsentationsprüfungen am Hessenkolleg Kassel

Seit dem Frühjahr 2007 müssen alle Studierende des Hessenkollegs Kassel (wie auch an allen anderen Schulen für Erwachsene in Hessen) im Abitur eine Präsentationsprüfung ablegen. Dieses Prüfungselement besteht aus einem mediengestützten Vortrag und einem sich daran anschließenden Kolloquium von jeweils 15 Minuten Dauer. Das Thema wird den Prüflingen von der Lehrkraft des gewählten Faches vorgegeben, die Studierenden haben eine Vorbereitungszeit von mindestens vier Wochen, um sich mit dem komplexen Thema intensiv auseinander zu setzen und die Präsentation vorzubereiten.

Im Laufe der letzten Jahre sind im Rahmen der durchgeführten Präsentationsprüfungen im Durchschnitt gute Ergebnisse erzielt worden. Dies lässt sich unseres Erachtens insbesondere dadurch erklären, dass die konzeptionelle Arbeit eines damit befassten Lehrkräfteteams („Präsentations-AG“) Früchte getragen hat. Hier wurde ein spezifisches Konzept entwickelt, das die Studierenden schrittweise an solche Prüfungen heranführt. So wird während der Qualifikationsphase von allen Studierenden eingefordert, dass sie – unter Umständen sogar in mehreren Fächern – weitgehend selbstständig Präsentationen zu zunehmend komplexeren Themenstellungen ausarbeiten und ihren Mitstudierenden vorstellen. Die anschließende gemeinsame Besprechung im Fachunterricht führt dazu, dass entsprechende Kompetenzen geschult werden und auch das methodische Vorgehen reflektiert wird.

Die Vielfalt, Tiefe und Gesellschaftsrelevanz der in den Präsentationsprüfungen bearbeiteten Themen ist beeindruckend (z.B.: „Tiger Economies in comparison – China and India’s economic booms“, „Die Grenzen wirtschaftlichen Wachstums als ökonomisches und ökologisches Problem am Beispiel der Meadows-Studien“, „Möglichkeiten der Verwendung von Bacillus thuringiensis zur biologischen Schädlingsbekämpfung“ oder „Das Ozonloch“).

Im Folgenden soll schlaglichtartig auf zwei ausgewählte Präsentationsprüfungen zurückgeblickt werden. Dabei werden die ehemaligen Kollegiaten die eigene Prüfung noch einmal Revue passieren lassen und dabei auf aus ihrer Sicht zentrale Aspekte genauer eingehen.

1) Simon Jurkiewicz (Lg. 41, 8.6.2009, Biologie)

Thema: Benzodiazepine

Abitur, was dann?!

Diese Frage stellen sich jedes Jahr immer wieder ganze Scharen junger Leute, welche kurz vor dem Abschluss der allgemeinen Hochschulreife stehen.

Wer glaubt, dass diese Frage Abiturienten auf dem zweiten Bildungsweg weniger Kopfzerbrechen bereitet, der irrt.

Man könnte annehmen, dass das Abitur hier wesentlich zielgerichteter absolviert wird, da die meisten aus dem Berufsleben stammen und mittels des Abiturs ihre Qualifikationen und Weiterbildungsmöglichkeiten verbessern möchten.

Dies trifft jedoch nur in den wenigsten Fällen zu. So auch bei mir.

Nachdem ich die Berufsausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik abgeschlossen hatte und nach den zehn Monaten Zivildienst bereits für zwei Jahre als Facharbeiter im Berufsleben stand, wusste ich nur: „Das kann doch noch nicht alles sein, ich möchte mehr. Mehr Input, mehr Herausforderung, einfach irgendwie mehr.“

Ca. 3,5 Jahre später gehörte ich nun zu dieser Menge angehender Abiturienten, denen sich aufgrund des höchsten schulischen Bildungsabschlusses eine Menge Möglichkeiten bietet, welchen diese Menge an Möglichkeiten jedoch auch vor eine schwierige Wahl stellen können.

Hier kommt das Problem vieler auf dem zweiten Bildungsweg zum Tragen. Aufgrund der beruflich gemachten Erfahrungen wissen die Meisten, was sie nicht wollen, aber was sie wollen, dass wissen sie auch nicht so recht.

Auch spielt bei einigen die Angst mit, sich bezüglich der Studien- bzw. der Berufswahl wieder falsch zu entscheiden und somit nach geraumer Zeit im Studium oder der Ausbildung festzustellen, dass dies doch nicht die richtige Wahl war.

Auf dem Ersten Bildungsweg mag eine falsche Studien- oder Berufswahl aufgrund des jungen Alters nicht so tragisch sein, doch gerade wenn man „schon“ Mitte bis Ende Zwanzig ist, wächst da ein gewisser Druck, sich richtig zu entscheiden.

Wer mir an dieser Stelle vor dem Abitur gesagt hätte, dass die Präsentationsprüfung einen wichtigen Beitrag zu meiner Entscheidungsfindung bezüglich der Studienwahl leisten würde, dem hätte ich wahrscheinlich nicht geglaubt.

Wie kam es dazu? Eigentlich wollte ich gar nicht studieren. Ich sah mich nicht in der Rolle eines Studenten. Das weitere Lernen, jahrelang kein Geld verdienen und dann erst mit 30 Jahren wieder in das Berufsleben einsteigen. Ich wollte nach der zwölften Klasse aufhören und die damit erworbene allgemeine Fachhochschulreife dazu nutzen, mir eine „höherwertige Ausbildung“ zu suchen. Aber ich fand keine Berufsausbildung, die mich wirklich reizte. Also beschloss ich, die dreizehnte Klasse zu absolvieren und abzuwarten, was sich so ergibt.

Im zweiten Halbjahr der dreizehnten Klasse, 8 Wochen vor den schriftlichen Prüfungen im März, hatte ich immer noch keine wirkliche Vorstellung von dem, was nach dem Abitur folgen sollte, es waren nur Ideen:

„Vielleicht Jura? Vielleicht Wirtschaftswissenschaften? Vielleicht Medizin? Jura ist mir zu trocken und bei den wirtschaftswissenschaftlichen Berufen sitzt man doch später auch nur im Büro rum. Medizin würde mich schon interessieren, aber das Studium ist zu lang, zu schwer und dann die hohen Zugangsvoraussetzungen! Das traue ich mir nicht zu, da ich eh nie so ein richtiger Dauerlerner war, welcher sich stundenlang, völlig freiwillig hinter die Bücher setzt.“

Dann war es so weit, die schriftlichen Prüfungen waren absolviert und wir bekamen Mitte April endlich unsere Präsentationsthemen mitgeteilt.

Ich hatte mich für eine Präsentationsprüfung im Fach Biologie entschieden, da dieses eines meiner liebsten und damit in Verbindung stehend eines meiner leistungsstärksten Fächer war.

Als Präsentationsthema bekam ich „Benzodiazepine“. Das sind Arzneistoffe der Gruppe sogenannter Tranquilizer, welche unter anderem Angst lösend, Muskel relaxierend und sedierend wirken.

Nun begann die Erarbeitungsphase, in welcher ich die Erfahrungen machte, die mich letztendlich in meinem Selbstvertrauen stärkten, mich für ein Medizinstudium zu entscheiden und zu bewerben.

Ich hatte mir einen recht großzügigen Zeitraum für die Themenerarbeitung eingeplant, da ich von mir selbst wusste, dass ich schulischen Pflichten schon einmal gerne in „letzter Minute“ nachkomme und dass es mir der beginnende Frühling mit viel Sonnenschein nicht leichter machen wird, konzentriert vor dem Schreibtisch zu sitzen.

Somit fing ich für meine Verhältnisse recht früh an zu recherchieren und Literatur für mein Präsentationsthema zu sammeln. Und eh ich mich versah, saß ich jeden Tag in der Sonne mit Buch und Textausdruck und las alles Mögliche über Transmitter, Rezeptoren und Medikamentennebenwirkungen. Ich war so interessiert an den neuronal-physiologischen Vorgängen, dass ich mich über das Thema hinaus informierte. Einfach nur so, aus Interesse, völlig freiwillig, trotz Sonnenschein! Das war mir neu… Diese Erkenntnis machte mir deutlich, dass ich durch Interesse an einem Thema vielmehr an Selbstständigkeit und Fleiß aufbringen kann, als ich das bisher von mir glaubte. Aus diesem Grund steht für mich persönlich die Präsentationsprüfung unter dem Begriff der Selbstständigkeit.

Zwar erlernt man in der schulischen Laufbahn immer wieder das eigenverantwortliche Erarbeiten bestimmter Themen und Präsentationen, doch die Präsentationsprüfung öffnete für mich zum Schluss noch einmal ein neues Tor bezüglich meiner Wahrnehmung über meine Selbstwirksamkeit.

Hier wird ein wirklich unterrichtsfremdes Thema, welches im Idealfall stark an das Interessengebiet des Schülers herangeführt werden kann, komplett selbstständig und eigenverantwortlich für eine wichtige Prüfung erarbeitet. Dabei musste ich zu meiner eigenen Überraschung feststellen, dass es wirklich Spaß macht, unter solchen Voraussetzungen zu arbeiten und zu lernen, und dass ich das auch kann.

Durch diese Erfahrungen in meinem schulischen Selbstvertrauen gestärkt, bewarb ich mich direkt nach den Präsentationsprüfungen und der Zeugnisvergabe, 2 Wochen vor Bewerbungsschluss für ein Medizinstudium.

Ich studiere heute im 6. Fachsemester Medizin und habe bisher noch nicht einmal an meiner Entscheidung gezweifelt.

2) Claudia Förster (Lg. 43, 12.5.2011, Chemie)

Thema: Dopamin als „Glücksbote“ – Die Biochemie der Catecholamine

Zuerst möchte ich mein Thema kurz vorstellen.

Dopamin ist ein körpereigener Neurotransmitter, der im mesolimbischen System ausgeschüttet wird. Das limbische System ist beteiligt an der Emotionsentstehung und der Regulation. Dieser Botenstoff besitzt wichtige Funktionen wie zum Beispiel die Durchblutungsregulation der Organe, Muskelsteuerung, Hemmung des Hormons Prolaktin sowie die positive Stimulation des Belohnungssystems. Dopamin wird aus Tyrosin biologisch synthetisiert und dann zu Adrenalin im Körper umgewandelt. Da dieser Neurotransmitter „positive“ Emotionen (z.B. Freude, Mut, Antrieb, Wohlbefinden, Angstbefreiung) bewirkt, erhöhen verschiedene Rauschdrogen den Dopaminspiegel durch Blockierung des Rücktransportes oder durch Erhöhung der Ausschüttung im synaptischen Spalt. Aus diesem Grund weist der Botenstoff eine hohe Relevanz bei der Suchterkrankung auf. Des Weiteren können typische Symptome wie Depressionen, Psychosen, Schizophrenien und/ oder Wahnvorstellungen auftreten und bei einem zu niedrigen Dopaminspiegel ist es möglich, dass Morbus Parkinson oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) vorkommen.

Ich habe mich während meiner Abiturzeit gern mit dem Unterrichtsfach Chemie auseinander gesetzt. Außerdem war Chemie mein leistungsstärkstes Fach. Aus diesem Grund entschied ich mich die Präsentationsprüfung in diesem Bereich zu absolvieren. Als ich daraufhin mein Präsentationsthema erhielt, war ich zuerst etwas unzufrieden. Ich hatte den Eindruck, dass das Thema zu viel Biologie beinhaltete. Zu Hause angekommen, habe ich zunächst im Internet recherchiert und festgestellt, dass dieses Thema viel diskutiert wird und zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten vorhanden sind, vor allem psychologische Aspekte. Das fand ich total spannend, denn eigentlich wollte ich ursprünglich Psychologie studieren. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt den Gedanken verworfen aufgrund der zeitintensiven Ausbildung. Nachdem ich mir verschiedene Informationsmaterialen ausgedruckt und Bücher aus der Universitätsbibliothek ausgeliehen hatte, eignete ich mir ein fundiertes Grundwissen des Themas in Biologie sowie in Psychologie an. Zwischendurch versuchte ich immer wieder den Bezug zur Chemie herzustellen. Das selbstständige Arbeiten motivierte mich und ich konnte mich frei entfalten. Insgesamt hatten wir ungefähr einen Monat Zeit, um das Thema zu bearbeiten und die Präsentation vorzubereiten. Diese Zeit habe ich auch gebraucht, denn ich habe viele Texte gelesen und ein paar Mal meine Folien geändert bzw. neu angefangen. Am Anfang war ich mir oft unsicher, was wichtig ist, wie man den Ablauf erläutert, wie stelle ich die chemischen Vorgänge besser dar und vor allem: Welche Bilder eignen sich? Während meiner Vorbereitungsphase begleiteten mich diese Fragen ständig. Nachdem ich meine Präsentation dann endlich fertig gestellt hatte, referierte ich diese meinem Umfeld, immer ausgerüstet mit einer Stoppuhr. Das Zeitlimit von 15 Minuten musste streng eingehalten werden und das stellte unter anderem eine große Schwierigkeit dar. Ich habe zunehmend die wichtigsten Aspekte herausgefiltert, so dass kein Zeitproblem entstand. Ich glaube, meine Mitbewohnerinnen konnten damals fast schon synchron mitsprechen, denn ich habe es oft laut wiederholt und ihnen mein Werk vorgeführt. Die letzte Woche vor den Prüfungen haben wir uns, einige Mitkollegiaten und ich, gegenseitig die Präsentationen in der Schule vorgetragen und das jeden Tag. Wir haben uns konstruktiv kritisiert und uns die Angst genommen. Das war ein fantastischer Zusammenhalt. Der Tag war gekommen, der Tag meiner Präsentationsprüfung und ich hatte das Gefühl, dass man meinen Herzschlag aus einiger Entfernung hören konnte. Im Laufe des Vortrages wurde ich immer selbstsicherer und ruhiger. Ich konzentrierte mich auf den Inhalt und hatte gleichzeitig Spaß dabei. Nach dem Kolloquium wurde ich nach draußen gebeten, weil die Prüfer meine Note festlegten. Das waren die längsten Minuten für mich, denn ich fragte mich, warum dauert das so lange, obwohl es im Grunde nur 5 bis 10 Minuten Wartezeit war. Dann die Erleichterung: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben bestanden!“ Ich war sehr stolz, als ich meine Note erfuhr. Ein ganz tolles Gefühl.

Nach diesem Präsentationsthema wusste ich, dass ich mein Ziel nicht aus den Augen verlieren sollte und ich entschied mich doch das zu studieren, was ich aus Angst verworfen hatte. Nun studiere ich seit Oktober 2011 Psychologie in Kassel. Das Studium gefällt mir sehr gut und ich bin äußerst froh, dass ich mich für diesen Studiengang sowie für diese Universität entschieden habe. Nach den ersten Klausuren fühle ich mich bestätigt den passenden Ausbildungsweg eingeschlagen zu haben.

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